Donnerstag, 26. Februar 2009

Symbiose und Synkretismus


Weder der Indio noch der Sklave aus Afrika, die zur Kolonialzeit abrupt aus ihrem herkömmlichen Leben gerissen wurden, um sogleich unversehens mit der Welt der Europäer konfrontiert zu werden, waren in der Lage, die offizielle Religion der spanischen Eroberer oder der portugiesischen Kolonisten, den Katholizismus, der auch für sie nun obligatorisch war, zu begreifen. Wenn sie von den Weißen bezüglich ihrer religiösen Gepflogenheiten zur Rede gestellt wurden, zogen sie es vor zu sagen, sie gäben sich dem katholischen Heiligenkult hin. Auf diesem Hintergrund muß man realistischerweise die Fusion (fusão de crenças e divindades) unterschiedlicher Glaubensinhalte und ihrer diversen Glaubensobjekte sehen. Manchmal handelte es sich anstelle einer Fusion eher um eine confusão, die im „Land des wahren Kreuzes" von Anfang an stattgefunden hatte. Zu einer solchen Konfusion trugen die Patres ein gutes Stück selbst bei, z. B. indem sie die indianische Gottheit Tupã (die - nur ein Abkömmling des höchsten Gottes der guaranies - auf den stürmischen Böen des Windes reitet) mit Gott dem Allerhöchsten gleichsetzten, obwohl dieser neben einigen anderen Gottheiten und himmlischen Heroen - obgleich hochrangig - zu den eher untergeordneten Gottwesen der guaranies zählte. Tupã ist bis heute die Bezeichnung des Gottes der Christen in der Sprache des guaranies. Im Verlauf einer ganz oberflächlichen evangelización durch die Patres kam es immer wieder zu synkretistischen Verwirrungen in Bezug auf das Pantheon der Eingeborenen. Ähnliches geschah mit der mythischen Figur der guaranies „Añag", den die Jesuiten kurzerhand mit dem Teufel ihrer eigenen Mythologie gleichsetzten. Den Erlöser Jesus Christus setzten sie gleich mit einem der Pa‘i Guasu, einem berühmten Schamanen aus der Vergangenheit des Volkes der guaranies, und machten ihn damit zu einem der messianischen Heilbringer der mythischen Tradition, ebenso wie sie naiv das biblische Paradies mit der Tierra Sin Mal - dem von den guaranies erträumten Reich ohne das Böse - identifizierten. (Bartolomé, 1991:81f.)

Der im Vergleich zu den índios intellektuell besser entwickelte Afrikaner besass noch eine Erinnerung an das Wirken einzelner unterschiedlicher religiöser Gruppen in seiner angestammten Heimat. Diese Erinnerung veranlasste ihn dazu, beispielsweise die traditionellen Initiationsriten gerade in der Fremde wieder aufzunehmen. Auf diese Weise entstanden in der Sklaverei Geheimgesellschaften, die vielleicht vage mit der Freimauerei verglichen werden dürfen. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass eine strikte Regel des traditionellen Ahnenkults lautet, dass eine Familie, die ihre Ahnen verehren möchte, dieses unter der allerstrengsten Geheimhaltung tun müsse. Jedes einzelne Familienmitglied muss beim Beten dafür Sorge tragen, dass es auch tatsächlich alleine ist. Schließlich beinhaltet die Anrufung der Ahnen auch Bitten, in denen feindlichen Personen oder Gruppen Unheil gewünscht wird. Jorge Amado merkte einmal an, dass es in Bahia eine kleine Gruppe geschlossener und unzugänglicher Candomblés gebe, die dem Kult der Eguns - das sind Geister der „Urahnen" - gewidmet seien. Dabei handle es sich um Candomblés der Nation ketu, die sich dem Totenkult verschrieben hätten. Der originäre Kult war mit einem mächtigen Baum, einem Symbol der Kraft des Bodens, verbunden. Solche, als Kultplatz dienende gigantischen Bäume kann man auf dem afrikanischen Kontinent vielerorts noch heute antreffen. Die Eguns bildeten eine geheime Gesellschaft im Rahmen eines Familienclans, wie sie noch heutzutage in Afrika - innerhalb der Kultur der Iorubás - existiere. In Bahia gibt es zwei Zentren dieser Sekte auf der Insel Itaparica. Infolge strenger Tabus, die es den Kultmitgliedern verbieten, Näheres über den Totenkult auszuplaudern, stehen nur sehr spärliche Informationen darüber zur Verfügung. „Was hinter verschlossenen Türen geschieht, wird von niemandem verraten." (Santos/Reginaldo 1996 : 108) Nach Roger Bastide handelt es sich bei den eguns um „Erscheinungen" (daher auch der terminus „Gespenster"), im Gegensatz zu den Manifestationen der orixás. Unter den gêge und nagôu werden die beiden Kulte, nämlich die Ahnenverehrung und die Anbetung der Gottheiten, streng auseinander gehalten. Sie dürfen nicht miteinander vermischt werden. Den Adepten des Cabdomblé ist es wohl gestattet, an Festen des êgun teilzunehmen; sie dürfen auch Opfergaben darbringen, doch kein pai-de-santo und keine mãe-de-santo würde in ihrem terreiro jemals den Êgun-Kult ausüben. Wer einer roça, als welche eine Candomblé-Kultstätte manchmal auch bezeichnet wird, vorsteht, darf nicht mit den êguns arbeiten.

Was den Kult der orixás - Archetypen einer Aktivität oder Funktion bzw. Kräfte, welche die Natur und ihre Erscheinungen wie Gewässer, Wind, Wälder, Blitz usw. kontrollieren - betrifft, waren und sind die Anhänger der afro-brasilianischen Religionen nicht so rigoros wie bei der Isolierung des Kultes der êguns. In der Wildnis Brasiliens tauschten negros und índios ohne Vorbehalt ihr Wissen aus. So lernten einerseits die índios die Geheimnisse der afrikanischen Magie, während die negros vom índio die Magie des sertão kennenlernte. Beide Weisen der Magie haben sich profund zu einer einzigen magischen Vorstellungswelt vereinigt, woraus sich am Ende grundlegende Modifikationen der ursprünglichen afrikanischen und gleichzeitig auch der originären indianischen Kulte ergaben. Dabei darf jedoch auch die Tatsache nicht übersehen werden, dass vor der Vermischung indigener und afrikanischer Elemente bereits ein „Austausch" zwischen dem iberisch-lusitanischen Katholizismus und dem indigenen Schamanismus stattgefunden hatte. Die índios vermeinten in den Manifestationen des christliche Glaubens durch die Missionare bestimmte Elemente wiederzuerkennen, die ihnen aus ihrer eigenen Kultur geläufig waren, was letztlich die Akkulturation im spanisch-portugiesischen Volkskatholizismus erleichterte. Andererseits wissen wir aus der Geschichte der Jesuitenreduktionen sehr wohl, dass auch die Missionare aus didaktischen und pädagogischen Gründen bestimmte Elemente aus der indigenen Kultur, sozusagen zur „Anknüpfung", wie man es in der Missionstheologie zu nennen pflegt, übernommen haben, beispielsweise verschiedene Tänze und Gesänge. Bei der Übertragung indigener Elemente in die afro-brasilianischen Kulte spielte also einerseits gerade die Kirche eine wichtige Mediatorenrolle, während andererseits die Selbstverständlichkeit der Vermischung afrikanischer Gottheiten mit den Geistern der Eingeborenen den synkretistischen Prozess, der spätestens im 17. Jh. seinen Anfang genommen hatte, ganz wesentlich unterstützte. Nach der Befreiung der Sklaven kamen im Nordosten die candomblés de caboclo auf. Dabei ist nicht zu übersehen, dass in den Adern der Mehrheit der Bevölkerung von Bahia, Sergipe, Alagoas, Pernambuco, Ceará, Maranhão etc. ein kräftiger Schuss Cabocloblutes pulsiert. Der Hauptgrund für die Entwicklung des Kultes im Sinne des candomblé de caboclo war der Ahnenkult. In dieser Hinsicht bestand volle Übereinstimmung des Glaubens mit den Indios, beide glaubten sie an Familiengeister. Das war der erste Schritt in Richtung auf den Spiritismus. Daraus erwuchsen dann sessões de caboclo. Gleichzeitig konsolidierte sich der Heilige - santo -aus der katholischen Volksfrömmigkeit und wurde als orixá - eine Art himmlischer Helfer - in den Kult einbezogen. Nach Willeke wurde der von den heidnischen Indianern gepflegte Ahnenkult durch die von den Franziskanern bereits recht früh eingeführten religiösen Bruderschaften in christliche Kulte integriert. (Willeke, 1974: 63) Dies bestätigt, was nebenbei angemerkt werden darf, die Feststellung Biebingers, der brasilianische Katholizismus ließe sich aus phänomenologischer Perspektive „als das geschichtliche Produkt des Aufeinandertreffens dreier Kulturkreise fassen: des christlich-lusitanischen, des traditional-afrikanischen und des indianischen, wobei die Auseinandersetzung mit den vorherrschenden geistesgeschichtlichen und ideologischen Strömungen der jeweiligen Epoche ihm das eigentümliche Gepräge gibt." (Biebinger, 2000: 10)

Schließen wir diesen Komplex. Indem wir uns noch einmal an das schöne Wort Johann Gottfried Herders erinnern (Herder Lesebuch, Zum 250. Geburtstag, Hrsg. Siegfried Sunnus, Frankfurt 1994, p. 153):

„Die Religion ist die älteste und heiligste Tradition der Erde. Die Religion findet sich selbst unter Menschen, die auf den abgelegensten Inseln und in tiefster Armut leben. Doch es ist nicht so, dass jeder dieser Wilden seinen Gottedienst wie eine natürliche Theologie erfunden habe. Diese Mühseligen erfinden nichts; sie folgen in allem der Tradition ihrer Väter. Auch gab ihnen von außen zu dieser Erfindung nichts Anlass: denn wenn sie Pfeil und Bogen, Angel und Kleid den Tieren oder der Natur ablernten; welchem Tier, welchem Naturgegenstande sahen sie Religion ab? Tradition ist also auch hier die fortpflanzende Mutter, wie ihrer Sprache und wenigen Kultur, so auch ihrer Religion und heiligen Gebräuche. Religion, so verschieden ihre Hülle sei; auch unter dem ärmsten, rohen Volk am Rande der Erde finden sich ihre Spuren."


Literatur:

Ball, Edward, Die Plantagen am Cooper-River, Eine Südstaaten-Dynastie und ihre Sklaven, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 2001
Bartolomé, Miguel Alberto, Chamanismo y Religion entre los Ava-Katu-Ete, Asunción 1991
Biebinger, Frank, Auf der Suche nach Gottes Angesicht, Candomblé und Katholizismus im Dialog, Eine Fallstudie, Dietrich Reimer Verlag GmbH, Berlin 2000
Dias, Jill R., África, Nas Vésperas do Mundo Moderno, Resobal - Cacém 1992
Frikel, Protásio, Traços da Doutrina Gêge e Nagôu sobre a Crença na Alma, in Egon Schaden, Homem, Cultura e Sociedade no Brasil, Petrópolis 1972
Grubb, W. Barbrooke, Un Pueblo Desconocido en Tierra Desconocida, (An unknown people in an unknown land; 1. ed. 1911; 2. ed. 1925 London), Asunción 1993
Koch, Heidi, Ahnen, Geister und Lebensbäume in Zeit für Mission, Magazin Mission, Neuendettelsau 1/2002
Martin, Gabriela, A Morte - O RITO E A VIDA ESPIRITUAL, in Hara Hélio (Org.), ANTES, Histórias da Pré-História, Catálogo Centro Cultural Banco do Brasil São Paulo, 2004
Pilhofer, D. Georg, Die Geschichte der Neuendettelsauer Mission in Neuguinea, Neuendettelsau 1961
Ramos, Arthur, O Negrio Brasileiro, Etnografia Religiosa e Psicanálise, Recife 1988, 2, Ed. Fac-Similar (Rio de Janeiro 1934)
Ratschow, Carl Heinz, Magie und Religion, Gütersloh, 1947
Santos, Acácio S. Almeida/Lucilene Reginaldo, Irmãs da Boa Morte, Senhoras do Segredo, in: Lima, Tânia, Sincretismo Religioso, O Ritual Afro, Anais do IV Congresso Afro-Brasileiro Recife, maio 1994, Vol. 4, Recife 1996
Schaden, Egon, Homem, Cultura e Sociedade no Brasil, Petrópolis 1972
Scholl-Latour, Peter, Afrikanische Totenklage, München 2001
Willeke, Venâncio OFM, Missões Franciscanas no Brasil 1500 - 1975, Petrópolis 1974

Freitag, 20. Februar 2009

Brasilien: Kirchlicher Konservativismus versus Theologie der Befreiung

Heinz F. Dressel

Gegenwärtig machen Nachrichten über die Politik des Vatikans weltweit Schlagzeilen. Es ist ungemein aufschlussreich, die Geschichte des innerkirchlichen Wandels von Medellin bis zum „Skandal Williamson" einmal aus brasilianischer Perspektive zu registrieren.

Was wir seit geraumer Zeit im Vatikan beobachten, nämlich einerseits die Rehabilitierung konzilfeindlicher Bischöfe und Kleriker, aber auf der anderen Seite die systematische Liquidierung der „Befreiungstheologie", die ihre Wurzeln vor allem in Lateinamerika hat, zeichnete sich bereits seit ungefähr einem Vierteljahrhundert ab, insbesondere jedoch, seit Josef Ratzinger, der heutige Papst, im Jahre 1981 das Kommando in der päpstlichen „Glaubenskongregation" (einst als „Inquisition" gefürchtet) übernommen hat.

Es ist ungemein aufschlussreich, die Geschichte des innerkirchlichen Wandels von „Medellin" bis zum „Skandal Williamson" einmal aus brasilianischer Perspektive zu registrieren.

Die katholische Kirche in Brasilien, die seit der Eroberung des Landes durch die Portugiesen mit der jeweiligen Regierung eng verbunden war, besann sich nach dem II. Vatikanischen Konzil und der Konferenz von Medellin (1968) zunehmend auf ihre gesellschaftspolitischen Aufgaben. Je entschiedener sie sich auf die Seite der Armen stellte, desto größer wurde der Abstand zur Regierung. Der Platz des Priesters sei nicht mehr die Sakristei und Evangelisation bedeute in dieser Zeit, gegen Hunger, Krieg, Unterdrückung, Folter und die Ausbeutung des Menschen zu kämpfen, hieß es in einer Erklärung des Erzbischofs von São Paulo, D. Paulo Evaristo Arns.

Einer solchen Position begegnete Widerspruch nicht nur seitens des Staates, sondern auch innerhalb der Kirche. Gemeinsamer Ausgangspunkt der Opponenten gegen eine Auffassung, wie D. Paulo sie vertrat, war die Überzeugung, dass die Kirche sich aus den Dingen dieser Welt herauszuhalten bzw. dieselben den dazu Berufenen zu überlassen habe. Für die Geschäfte der res publica sei die weltliche Macht zuständig, während es Aufgabe der Kirche sei, sich um die geistlichen Dinge zu kümmern. Das war auf beiden Seiten gut traditionell katholisch gedacht. Allerdings hinkten die Verteidiger einer absoluten Abstinenz der Kirche in Sachen rerum politicarum der Entwicklung, welche die Kirche seit den Tagen einer nahezu völligen Identität des Wollens und Handelns von Staat und Kirche, wie sie zu Zeiten der Monarchie ganz selbstverständlich gewesen war, beträchtlich hinterher. Das war u. a. an dem Engagement der Kirche im sozialen Bereich abzulesen.

Bereits in den 50er Jahren hatte die Kirche in Brasilien einige bedeutsame sozialreformerische Projekte begonnen, z. B. die „Bewegung für Erwachsenenbildung" (MEB) oder die „Agrarfront". Besonderen Nachdruck legte sie auf die „Bewegung A, E, I, 0, U", d. h., die Juventude Agrária, Estudantil Independente, Operária und Universitária (Landjugend, Schülerarbeit, Unabhängige Jugendarbeit, Arbeiterjugend und Studentische Jugend). Es waren vor allem die Kleriker in den Parochien der Diözesen, sei es auf dem Lande oder in den Industriegebieten und Universitäten der Metropolen, die in solchen Projekten der Kirche wirkten. Es gab für sie nicht den geringsten Zweifel darüber, dass sie an der fundamentalen Aufgabe der Kirche mitarbeiteten, das Heil zu verkünden, an jedem Ort und zu jeder Zeit. D. Paulo hatte dies einmal ganz nüchtern so ausgedrückt: „Die Kirche ist nicht von der Welt getrennt, sondern sie lebt darin." Weil dem so sei, müsse jedes Bemühen um die innere Erneuerung der Kirche scheitern, wenn es ihr nicht erlaubt sei, sich mit verstärktem Engagement auf die Straßen der Welt zu begeben, um dort die ihr aufgetragene Gute Nachricht zu verkünden. Die modernen sozialreformerischen Projekte waren Früchte solcher ekklesiologischer Überlegungen. Zunächst fügten sie sich fast nahtlos in die Entwicklungsmaßnahmen der Regierung ein. Sogleich nach der Revolution vom 31. März 1964 jedoch waren die einschlägigen Organisationen einer harten staatlichen Unterdrückung ausgesetzt, die zunächst vorwiegend auf die Einschüchterung von Laienmitarbeitern zielte. Die Bischöfe verurteilten diese Unterdrückung katholischer Gruppen bereits auf ihrer ersten Konferenz nach dem Putsch der Militärs aufs schärfste. Bis zum Ausbruch der Studentenunruhen 1968, die zeitlich mit dem Beginn militanter Aktionen marxistischer Gruppen zusammenfielen, kam es dann zu einer Art von Burgfrieden zwischen Staat und Kirche.

Generell muss leider gesagt werden, dass die Kirche insgesamt, jedenfalls die große Mehrheit der katholischen Kirche, bzw, die „hierarchische Kirche", wie manche zu sagen pflegen, die traditionelle Position der Unterstützung der etablierten und konstituierten Macht, und im speziellen Fall einer Macht, die sich 1964 im Lande einrichtete und von welcher Willkürakte und Missachtung der grundlegenden Bürgerrechte ausgingen, im Prinzip nicht verlassen hatte.

Der ehemalige Priester Pedro Mansueto de Lavor, Generalsekretär der PMDB-Pernambuco, sagte mir im Januar 1981 wörtlich: „Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die Kirche das Regime unterstützt hat. Die Kirche kann dies nicht leugnen, es gibt überhaupt keine Möglichkeit, dies zu leugnen. Damals gab es noch jene antikommunistische Abscheu innerhalb der Kirche, die so tat, als ob der Kommunismus das große Übel für Brasilien gewesen wäre, als ob es keinerlei andere Übel gegeben hätte und als ob es die Aufgabe der Kirche gewesen wäre, den Kommunismus zu bekämpfen. Die katholische Kirche hielt es in jener Zeit für ihre Aufgabe, die Rettung der Seele zu predigen, wobei oft die leiblichen und zeitlichen Probleme des Volkes übersehen worden sind, und darüber hinaus galt es, den Kommunismus als das große Übel, das wilde Tier der modernen Welt, zu bekämpfen. Nun gut, mit der Zeit ließ aber das Regime, das sich etabliert hatte, erkennen, dass es an der Macht zu bleiben gedachte, dass es sich nicht einfach um eine militärische Bewegung zur Wiederherstellung der Ordnung gehandelt habe, und dass die Militärchefs nicht zu den Aufgaben zurückzukehren gedachten, welche die Verfassung für sie vorgesehen hatte. Die Aufgabe der Militärs ist nicht jene, die diese vor 16 Jahren übernommen haben. Sie sind jedoch geblieben, als ob sie Brasiliens Lehrmeister wären. Sie meinen dies noch heute, obwohl sie inzwischen die Zustimmung des Volkes und der Kirche nicht mehr besitzen. Sie sind sozusagen isoliert, aber sie halten sich durch die Magie ihrer Gesetzgebung, die sie mit Hilfe einer unterwürfigen Minderheit im Kongress betreiben, an der Macht."
Die Darstellung der Situation durch den Ex-Priester unterscheidet sich übrigens in keiner Weise von der Sicht des Erzbischofs D. Paulo Evaristo Arns, der 1978 auf die Frage, wie der Staat die Sorge der Kirche um den Menschen ansehe, antwortete: „Der brasilianische Staat wünscht ein westlicher und zugleich christlicher Staat zu sein, gänzlich auf einen einzigen Feind fixiert, den Kommunismus. Die Kirche hat für ihn praktisch ein Instrument zu sein, über welches der Staat verfügt. Von daher kann man sich vorstellen, dass unser ganzer Einsatz, sowohl zur Verteidigung der Schwachen und Armen im Kampf um die Eroberung des Inneren Brasiliens, in den neuen Ländereien in Mato Grosso und Amazonien, als auch zur Verteidigung der Armen in den Städten, zur Verteidigung der politischen Gefangenen und all derer, die der Hilfe bedürfen, üblicherweise als subversives Handeln angesehen wird. Die Geschichte vom Eindringen des Kommunismus in die Reihen des Klerus ist etwas, was man Tag für Tag hören kann und die Beschuldigungen verbieten uns oft zu handeln. Übrigens hat die Kirche selbst unter dem Volk die Vorstellung verbreitet, dass der Kommunismus vom Teufel sei. Jemanden einen Kommunisten zu nennen bedeutete für das Volk, ihn als teuflisch zu bezeichnen."

Pedro Mansueto de Lavor wurde in seiner Antwort auf meine Frage nach der Position der Kirche während der Militärdiktatur noch deutlicher: „Im Verlauf der Zeit und angesichts einer Situation der Willkür, die das Regime entweder verschleiert oder ganz offen herbeigeführt hatte, mit all den Verhaftungen und vor allen Dingen mit der Folterpraxis, und als schließlich auch Priester verhaftet, Bischöfe verfolgt und ihre Laien ermordet wurden, ist die Kirche sich langsam dessen bewusst geworden, dass das große Übel Brasiliens nicht nur der Kommunismus ist, sondern auch die Armut, der Hunger und das Elend, die während dieses Willkürregimes zugenommen haben, und dies bedeutete doch schließlich, dass sich durch die Revolution nichts geändert hatte. Diejenigen, die vor 1964 die Macht besassen, sind auch danach an der Macht geblieben, während das Volk weiterhin an den Rand gedrängt blieb, die Armut zunahm und die ganze Lage sich nur noch verschlimmerte. Das heißt: Die Konzentration des Einkommensin den Händen Weniger nahm ausgesprochenermaßen zu; gleichzeitig war die Beherrschung des Landes durch das Ausland sehr viel stärker ausgeprägt als zuvor. Die Kirche begann sich nun darüber Gedanken zumachen und begriff, was Kardinal Aloisio Lorscheider, der zweimal Präsident der Nationalen Bischofskonferenz gewesen ist, gesagt hat, dass nämlich dieses Regime anti-evangelisch und sündhaft sei. Dies ist zweifellos ein starkes Wort, aber auch wiederum nicht, denn die Herrschenden missachten in der Tat die Menschenrechte etc. Früher waren diejenigen, die gegen das Militärregime eingestellt waren, die Isolierten und bildeten die Ausnahme. Heute sind diejenigen, die das Militärregime stützen, die Ausnahme und die Isolierten. Da ist D. Scherer dort unten im Süden. Gute Unterstützung gibt auch der Bischof von Viana in Maranhão, der alle naselang Medaillen vom Heer verliehen bekommt, und vielleicht D. Alberto dort oben in Pará, manchmal auch D. Ilton, der sehr diplomatisch ist usw... Die Brasilianische Bischofskonferenz als solche jedoch und die Mehrheit der Kirche in der Person ihrer Vertreter und auch die Leute aus den Basisgemeinden, welche die Wirklichkeit des kirchlichen Lebens von der Wurzel her kennen, sind gegen das Regime. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie sich in einer der politischen Parteien engagierten. Man sagt zwar, die Kirche habe angesichts der Zersplitterung der politischen Parteien ihre Sympathien für die alte Brasilianische Demokratische Bewegung (MDB) aufgegeben und diese heute der Arbeiterpartei (PT) zugewandt, aber das entspricht bestimmt nicht der Wahrheit."

Seit der Präsidentschaft Costa e Silvas im März 1967 war der Kirche mehr und mehr die Rolle des moralischen Wächteramtes zugefallen, da es im öffentlichen Bereich infolge der Aufhebung bestimmter Bürgerrechte und des Inkrafttretens von Ausnahmegesetzen keine unabhängige Justiz, keine wirkliche parlamentarische Opposition, keine autonomen Gewerkschaften und keine freie Presse mehr gab. Die Kirche verfügte über eine bis ins letzte Dorf reichende Infrastruktur im ganzen Land und für ihre Gottesdienste, sozialen Programme und pastoralen Verlautbarungen usw. über einen verhältnismäßig weitgestreckten Freiraum. Damit wurde sie zur wichtigsten moralischen Instanz im Lande, deren Stimme intern und extern eine gewisse Beachtung fand. Dabei spielten, im Unterschied zur katholischen Kirche in Argentinien, die ihr rigoroser Antikommunismus angesichts der unsäglichen Gräuel des Regimes der Generäle hatte blind werden lassen, in Brasilien selbst so namhafte Repräsentanten des Episkopats wie Kardinal D. Eugenio Sales, der zu den markanten Vertretern einer eher konservativen Linie gehörte, oft eine wichtige Rolle. Obgleich entschiedener Gegner der „Theologie der Befreiung", wusste er seinen guten Draht zu mächtigen Militärs wie General Frota zu nutzen, wenn es darum ging, Unmenschlichkeiten gegen politische Gefangene anzuzeigen. Damit befand er sich voll im Kontext der CNBB und der gesamten brasilianischen Kirche, deren Devise es war, den Dialog mit den Mächtigen zu pflegen, um Menschen zu retten, wo dies möglich war. So hatte D. Eugenio z.B. in den Tagen einer brutalen Jagd auf Kommunisten in einem offiziellen Schreiben an die Sicherheitsbehörde auf die Wichtigkeit der Auffindung einer Gruppe von Gefangenen, die „verschwunden" sei, hingewiesen. Dies würde die Absicht der Regierung, die Menschenrechte zu achten, unter Beweis stellen. (O GLOBO, 3.3.2008)

„Die Kirche ist die einzige brasilianische Institution, die nicht in Verruf geraten ist und die bei der Bevölkerung Kredit genießt." Im Oktober 1967 verbreiteten 300 Priester in der Tagespresse den „Brief von Belo Horizonte", ein Wort zur Stellung der Kirche angesichts des sozialen Elends, auf das der Innenminister Albuquerque Lima sehr gereizt reagierte. Er sprach ironisch von den „Priestern und Bischöfen der feiernden Linken". In Volta Redonda, einem ständig von sozialen Krisen erschütterten Gebiet, kam es zur Verhaftung einiger Priester und Diakone. Die Erzbischöfe von São Paulo bzw. Belo Horizonte quittierten die staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen durch ihr Fernbleiben bei der Ehrung des Präsidenten Costa e Silva im Oktober bzw. Dezember 1968.

Von nun an machte die staatliche Unterdrückung auch vor dem Klerus nicht mehr Halt. In etwa drei Jahren hatte man nicht weniger als 29 Priester verhaftet und vor Gericht gestellt. Im Mai 1969 geschah in Recife der Mord an dem Priester und Soziologieprofessor Antônio Henrique Pereira Neto. Das Militärgericht in Juiz de Fora klagte 1973 gleich 38 Priester des Umsturzes an. Schließlich wurden selbst Bischöfe bedroht, kirchliche Institute, wie das Instituto Brasileiro de Desenvolvimento (IBRADES) in Rio, besetzt und der damalige Generalsekretär der CNBB, Kardinal Aloisio Lorscheider, verhaftet. Die Bischöfe Hélder Câmara von Recife, Fragoso von Cratéus, Paulo Evaristo Arns von São Paulo und andere gerieten immer stärker in die Schusslinie des Militärs. D. Paulo hatte wiederholt schriftliche Todesdrohungen erhalten. Er befand sich stets in Lebensgefahr. Die Militärs hatten einen „Unfall" geplant, um sich dieses „gefährlichen Elements" zu entledigen. D. Hélder wurde buchstäblich beschossen: fünfmal drangen Kugeln in seine Residenz ein. Ich habe die Einschusslöcher bei einem späteren Besuch noch sehen können.

Im Oktober 1970 wandte sich auch die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) mit einem „Manifest" an den damaligen Präsidenten Emílio Garrastazú Médici, in dem auf „unmenschliche Praktiken, vor allem im Zusammenhang mit der Behandlung politischer Gefangener", hingewiesen wurde. Unter anderem hieß es in diesem Manifest: „Auch in Ausnahmesituationen sind Verhaltensweisen, welche die Menschenrechte verletzen, nicht zu rechtfertigen."

Das gespannte Klima im Verhältnis Kirche und Staat während der Regierung Médici ließ sich auch aus einem 1973 von Erzbischof Fernando Gomes, Mato Grosso, veröffentlichten Hirtenbrief ablesen: „Es herrscht ein Regime der Gewalt, in dem alle überwacht und in den Archiven des Schreckens registriert sind." Dem vom Regime geförderten Antikommunismus stehe ein Totalitarismus gegenüber, „der die Methoden eines kommunistischen Regimes übernahm". Alles werde als umstürzlerisch betrachtet, „was den unantastbaren Zielen des Regimes entgegensteht, die zu erreichen ihm alle Mittel, auch die infamsten, recht sind".

Zur Charakterisierung des „Klimas" im Verhältnis Staat - Kirche ist folgender Vorfall äußerst aufschlussreich: Präsident Médici hatte D. Paulo im Verlauf einer Audienz einmal angefahren, er „verteidige Banditen, die Unschuldige umbrächten, Botschafterentführer, die Minister bedrohten." Sein Platz sei „in der Sakristei", (ähnlich wie es auch im Jahre 2007 der Präsident von Paraguay einem dortigen Bischof gegenüber formulierte, als er voller Zorn erklärte que no se meten en política - die Priester sollten sich gefälligst nicht in die Politik einmischen. (Inzwischen wurde jener einstige Bischof - Lugo - am 20.4.2008 - mit großer Mehrheit zum Präsidenten von Paraguay gewählt!) In Argentinien hatte zu Zeiten des Peronismus die „Bewegung der Priester der Dritten Welt" von sich reden gemacht, bis die meisten jener „Priester für den Sozialismus", wie sie sich anderorts auch nannten, sich mit dem Aufkommen der Militärdiktatur der stock-konservativen hierarchischen Kirche „beugten" oder, sofern es ihnen nicht gelungen war, das Land rechtzeitig zu verlassen, im Kerker sassen und dann die Zahl der „Verschwundenen" vergrößerten. In Brasilien hatten die Padres die Geborgenheit der Sakristei verlassen und waren auf die Straßen oder auf die Felder gegangen, um den Menschen in ihrem Umfeld nahe zu sein und beizustehen. Die Zeiten, zu denen die Kirche als Stütze der Mächtigen - im „Mikro- und Makrokosmos" des riesigen Landes - gewirkt hatte und für Ordnung sorgte - vom Sklavenhaus bis zum Herrenhaus - und in denen der Padre gleichsam als Agent des Staates unter den Menschen wirkte, waren vorbei, offenbar ohne dass dies auch alle bereits bemerkt hatten. Der traditionelle Pfarrherr, der - zurückgezogen in seinem Haus oder in der Sakristei - die Sakramente verwaltet, und der nur zur Messe und in besonderen feierlichen Momenten des Lebens seiner Schäfchen in Erscheinung trat - Geburt und Grab, dazwischen die Trauung - diese Spezies von Priestern, die Ivan Illich in seinem Buch The vanishing clergymen beschrieben hatte, gehörte der Geschichte an.

Als Ernesto Geisel für die Präsidentschaft nominiert wurde, setzte man im ganzen Land große Erwartungen auf eine baldige allgemeine Entspannung. In der EKLB setzte man auf den deutschstämmigen Präsidenten, der eine evangelische Erziehung genossen hatte, besondere Hoffnung. „Wenn nun zum ersten Mal einem Lutheraner eine solche Verantwortung übertragen wird", hieß es in einer Erklärung der EKLB, „müssen wir ihm etwas sagen (und wir hoffen, dass er es versteht) von unserer tiefen Sorge um die Mehrheit des brasilianischen Volkes, von seinem Streben nach Frieden, von seinen materiellen Bedürfnissen nach Arbeit, nach Schulbildung, nach Lebensunterhalt, kurz: nach einem menschenwürdigen Leben."

Auch die Bischöfe des Staates São Paulo meldeten sich erneut exemplarisch zu Wort. Auf ihrer Versammlung vom 27. - 30.10.1975 verabschiedeten sie unter dem Titel Não Oprimas Teu Irmão - Du sollst Deinen Bruder nicht unterdrücken - eine Erklärung. Aber auch die CNBB sah sich gezwungen, am 17.2.1977 einen Brief an die Diözesen zu richten, in dem es um die Exigências Cristãs de uma Ordem Política - Christliche Forderungen nach einer Politischen Ordnung - ging.

Die auf eine Politik der Entspannung gerichtete Hoffnung der Brasilianer erfüllte sich erst einmal nicht - abgesehen von einigen bescheidenen Anzeichen einer gewissen Liberalisierung - zumindest bis Ende 1976 nicht. Die ständige Verletzung von Menschenrechten hielt an. Die soziale Ungerechtigkeit hatte sich nicht verringert, sondern war infolge der Wirtschaftskrise nur noch spürbarer geworden.

Dementsprechend nahm in der Bevölkerung der Unmut gegenüber den Militärs zu, und auch im Klerus fand diese Stimmung ihren spezifischen Widerhall. Die Repression ließ nicht auf sich warten. In diese Atmosphäre war auch der nordamerikanische Missionar der United Methodist Church, Fred Birten Morris, hineingeraten, als er in Recife zu wirken begann. 1974 wurde er dort unter falschem Verdacht von Sicherheitskräften gekidnappt und in der Gefangenschaft schwer mißhandelt, bis man ihn aufgrund eines Ausweisungsdekrets der Regierung Geisel abschob. Sein „Verbrechen" war das christliche Engagement zugunsten der Miserablen und Ausgeschlossenen gewesen.

Die Kirche hatte sich in all diesen Jahren unbeirrt mahnend und anklagend zu Wort gemeldet. Es gab ungezählte Erklärungen und Proteste der katholischen Kirche wie der verschiedenen evangelischen Kirchen, in denen zu Menschen- und Bürgerrechtsfragen, zum Bodenrecht, zum Indianerproblem, zu Eingriffen in die kirchliche Arbeit usw. klar Stellung bezogen wurde. Ein Beispiel dafür ist der „Fall" des im Gewahrsam der Militärs ermordeten Fernsehjournalisten Vladimir Herzog, der, wie manche es sahen, die Geschichte Brasiliens veränderte.

Im September 1977 drohte die Ausweisung des Bischofs Casaldáliga. Aus diesem Anlass veröffentlichte die Päpstliche Kommission für Gerechtigkeit und Frieden zusammen mit 19 anderen Organisationen am 18. 9. ein Manifest „Für Gerechtigkeit und Befreiung", das in seiner Weise einen Eindruck vom systematischen Vorgehen rechts-radikaler Organisationen und der Regierung gegen die Kirche zeugte, indem es die seit 1964 ausgewiesenen Pfarrer und Ordensleute aufzählte: 1964 war Pfarrer Francisco Lage, Belo Horizonte, zu 28 Jahren Haft verurteilt worden. Es gelang ihm, in der mexikanischen Botschaft Asyl zu finden und das Land zu verlassen. 1966 hatte man den amerikanischen Pastor Brady Tyson ausgewiesen, 1967 den französischen Diakon Guy Thibault, 1968 den französischen Priester Pierre Wauthier, 1969 den belgischen Pater Jan Honoré Talpe. 1970 wurde Schwester Maurina Borges verhaftet und nach Mexiko verbannt, 1971 der Dominikanerbruder Tito de Alencar Lima nach Chile. Ebenfalls 1971 wurde der italienische Pfarrer José Pedandola ausgewiesen. 1972 verweigerte man Pater José Comblin, dem belgischen Professor und Mitarbeiter Hélder Câmaras am Theologischen Institut von Recife (ITER), das Recht auf Wiedereinreise nach Brasilien. 1974 wurde der 1964 von der nordamerikanischen Mutterkirche nach Brasilien entsandte methodistische Pastor Frederick Birten Morris von Sicherheitskräften entführt, inhaftiert und gefoltert, bis man ihn aufgrund eines Ausweisungsdekrets der Regierung Geisel abschob. Erst 1988 hob man das über ihn verhängte Wiedereinreiseverbot auf. 1975 wurde der französische Priester Francisco Jentel ausgewiesen. Er hatte sich in Mato Grosso für Kleinlandwirte, die von der Vertreibung durch einen landwirtschaftlichen Großkonzern bedroht waren, eingesetzt. Das Oberste Militärgericht verurteilte ihn daraufhin 1973 wegen seiner „subversiven Haltung" zu 10 Jahren Gefängnis. Obwohl er später von allem Verdacht freigesprochen worden war, wurde 1976 das Ausweisungsdekret gegen den italienischen Pater Giuseppe Fontanella verkündet.

Auch im Jahr des Reformkurses, 1978, hatte sich das Klima nicht wesentlich verändert. Im Juli hatte D. Paulo Evaristo Arns schriftliche Todesdrohungen erhalten. Der Erzbischof von Paraíba, D. Jost Maria Pires, übergab der Presse einen Brief, in dem er mitteilte, dass die Entführung eines seiner Mitarbeiter für Fragen der Menschenrechte, des Rechtsanwalts Vanderly Caixe, sowie des stellvertretenden Erzbischofs D. Marcelo Cavalheira, der sich besonders für die Rechte der Landarbeiter eingesetzt hatte, geplant sei. Bischof D. Jost Brandão de Castro, Propriá, informierte die Bundespolizei über Todesdrohungen, die er und seine Mitarbeiter erhalten hätten, und bat um Sicherheitsgarantien. Dennoch sprachen hohe Kirchenmänner wie Kardinal Arns lieber von „Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Menschenrechte" als von einem „Konflikt zwischen Kirche und Staat". Wenn schon Konflikt, dann in umgekehrter Reihenfolge: Staat und Kirche.

Tatsache ist, dass die Christen Lateinamerikas immer stärker auf die Teilnahme ihrer jeweiligen Kirche an der politischen Diskussion drängten. So hatte sich im Oktober 1978 die 11. Kirchenversammlung der EKLB in Florianópolis ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass die Lutheraner endlich aufhören müßten, „eine Kirche des Schweigens" zu sein, und dass jeder Christ sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen habe." Was eine Auseinandersetzung des Staates mit einer politisch herangereiften neuen Christenheit in Lateinamerika für die Kirche zu jenen Zeiten de facto bedeutete, hatte Bischof Pedro Casaldálgia so ausgedrückt: „Unsere Kirche ist wieder die Kirche der Katakomben."

Zur Zeit der „Öffnung" begannen sich, nicht anders als auf dem Felde der großen Politik, auch in der Kirche die Koordinaten zu verändern und es schien so, als ob das Pendel nun wieder nach rechts ausschlagen würde. Primär religiöse Aspekte traten mehr und mehr an die Stelle des sozialen Engagements der Priester. Einen gewissen Reflex dieser veränderten Situation bildet ein kurzer Blick auf ein Interview das der Journalist Edson Luiz mit dem als „progressiv" geltenden Bischof von Pelotas-RS, D. Jayme Chemello, Vizepräsident der CNBB (ZH 18.5.95) im Anschluss an die Zusammenkunft der brasilianischen Bischöfe in Itaici-SP führte und in dem er bekräftigte, die Kirche werde auch künftighin auf der Seite der Ausgeschlossenen verbleiben. Die Mehrheit de Episkopats hatte sich bei einer Neuwahl des Leitungsgremiums der CNBB soeben den als konservativ geltenden Erzbischof von Salvador, D. Lucas Moreira Neves, als ihren neuen Vorsitzenden gewählt. Dieser hatte bei der Wahl am 15. Mai 1995 145 Stimmen erhalten, 33 Stimmen mehr als sein Gegenkandidat, D. Jayme, für den sich lediglich112 Bischöfe ausgesprochen hatten. Auf die Frage des Journalisten, ob die Kirche nun den Nachdruck anstelle des sozialen Engagements auf die Evangelisation legen werde, antwortete der neue Vizepräsident der CNBB: „Die Kirche wird sich nicht vom Volk entfernen. Die Bischöfe wissen, dass die soziale Frage vom Papst verteidigt wird." Im übrigen gelte: „Wer sich um die Armen und um die Menschenrechte kümmert, betreibt Evangelisation." Sich um das brasilianische Volk zu kümmern sei wichtiger als die Sorge um Petroleum, fügte D. Jayme hinzu. Er wusste auch, dass letzten Endes die Pfarrer an der „Frontlinie" des Kampfes um mehr Gerechtigkeit den Ausschlag gaben und nicht die Bischöfe.

De facto befanden sich die von der „Theologie der Befreiung" geprägten sog. „progressiven" Kräfte mittlerweile in der Minderheit. Hatten sie in den 70er Jahren noch knapp zwei Drittel der Diözesen und Erzdiözesen ausgemacht, so waren es eine Generation danach - 1995 - nur noch etwa ein Viertel von ihnen. Dies hing zweifellos mit einer Richtungsänderung der vom Vatikan vertretenen Politik zusammen. Überall, und man konnte dies besonders deutlich im Erzbistum von Olinda und Recife beobachten, wurden in die zuvor von Vertretern der Igreja Progressista besetzten Parochien und Bistümer systematisch „Konservative" berufen. Ein bezeichnendes Beispiel für eine solche Strategie war die Suspension des Padre Reginaldo Veloso und Entfernung aus seiner Gemeinde Morro da Conceição durch den Nachfolger D. Hélders, Erzbischof D. José Cardoso. Der Priester hatte in einer Problemzone der Stadt zusammen mit den Bewohnern des Viertels, mit einer NGO , dem Staat und einer Gruppe von Freiwilligen aus Recife ein vorbildliches Sozialwerk aufgebaut. Es gab einen funktionierenden Einwohnerrat, eine Kinderkrippe, mehrere Schulen, einschließlich berufsfördernder Kurse, Gesundheitsberatung, Physiotherapie, Musik- und Tanzunterricht und sogar ein Zentrum zur Betreuung und Förderung körperlich und geistig behinderter Kinder. Trotz aller Proteste der Gemeinde mußte Padre Reginaldo gehen. Und dies war kein Einzelfall im Erzbistum.

Den Höhepunkt der erzbischöflichen Intoleranz bildete die Maßregelung des weit über seine Pfarrei - Casa Forte/Recife - hochgeachteten Pfarrers Edvaldo Gomes, der im September 2007 seitens der römischen Glaubenskongregation wegen eines Verstoßes gegen den Codex Iuris Canonici nach 36jährigem segensreichen Wirkens in der historischen Pfarrei - kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand - für drei Monate von seinen priesterlichen Amtspflichten suspendiert und dazu verurteilt wurde. seiner Parochie für 3 Monate fernzubleiben. Padre „Edivaldo", wie ihn alle nannten, überbrücke das vom Erzbischöflichen Sekretariat verkündete befristete Berufsverbot durch einen „retiro espiritual" - übersetzen wir dies hier einmal „mit einem geistlichen Rückzug (!)" Das Motiv der bischöflichen Anklage und der folgenden Bestrafung durch die Glaubenskongregation bildete die menschenfreundliche ökumenische Weitherzigkeit des allseits verehrten Priesters. Zur Zelebration seines 50. Priesterjubiläums hatte er auch zwei Vertreter der Anglikanischen Gemeinde eingeladen. Ihr Mitwirken bei der feierliche Messe bildete einen verstoß gegen Canon 908 des Codex Iuris Canonici. Padre Edvaldo bekräftigte, wie in der kirchlichen Presse berichtet wurde, in aller Demut seine Liebe und Treue zur Heiligen Kirche, der er sein Leben geopfert hatte. Es spricht Bände, dass sogar die Abgeordnetenkammer des Staates Pernambuco gegen die Maßregelung dieses Geistlichen protestierte. Pe. Edvaldo hatte, um nur dieses Detail zu erwähnen, auf Wunsch der Angehörigen die kirchliche Bestattung des früheren Gouverneurs Miguel Arraes vorgenommen.

Ich durfte die ökumenische Offenheit Pe. Edvaldos vor Jahren persönlich erfahren: Am Samstag, dem 12. Februar 2000 gegen 16.00 Uhr vollzog ich in der Kirche von Casa Forte die Taufe unserer Enkeltochter Tainá. Ein paar Tage zuvor hatte ich den katholischen Kollegen in seinem Büro aufgesucht, um ihn zu bitten, mir bei der bereits zuvor angemeldeten Taufhandlung zu erlauben, als der Opa aus Deutschland ein paar Worte zu sagen. Als ich im Verlauf unseres Gesprächs erfuhr, Padre Edivaldo sei ein guter Freund und Verehrer Dom Hélders gewesen, erzählte ich ihm die Geschichte der Soziologiestudentin Maria do Socorro de Magalhães. Auf Bitten von D. Hélder Câmara hatte ich mich zu Anfang der 70er Jahre dafür eingesetzt, dass Nina, wie wir sie nannten, unter der Protektion der Evangelischen Kirche in Deutschland das Land verlassen und in der Bundesrepublik Deutschland weiter studieren durfte. Sie hatte an der UFPe studiert und daneben zur Sicherung ihres Lebensunterhalts an drei Schulen unterrichtet. Im Zusammenhang mit der Semana Nacional de Sociologia in Belo Horizonte während des 1. Semesters des Jahres 1972 hatte die Bundespolizei Nina zusammen mit einigen Kommilitonen verhaftet und mit verbundenen Augen misshandelt, interrogiert, der Folter unterzogen, indem man ihr befahl, sich nackt und mit am ganzen Körper befestigten elektrischen Drähten auf den nassen Fußboden zu legen. Zweimal täglich wurde sie einer solchen Prozedur ausgesetzt. Die Polizei versuchte vor allem, von Nina Informationen über den Verbleib ihrer Schwester zu erhalten, deren Name auf der Fahndungsliste des Sicherheitsdienstes stand. Nach etwa einem Monat wurde Nina schließlich entlassen. Als man sie entließ, wog sie nur noch 37 kg. Da man ihr nicht gestattete, die Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester, die flüchtig war, gemietet hatte, zu betreten, brachte sie de erste Nacht nach ihrer Freilassung im Treppenhaus zu. Es gelang ihr, sich mit Hilfe von Freunden so gut wie möglich durchzuschlagen. Im Instituto de Teologia von Recife (ITER), das D. Hélder besonders am Herzen lag, fand sie den Rückhalt, dessen sie damals bedurfte. Die postalische Korrespondenz in Ninas Angelegenheiten musste über Albrecht Baeske, seinerzeit Gemeindepfarrer der EKLB in Recife, laufen, da Nina aus Sicherheitsgründen keine Adresse mehr besass. Ich erinnere mich, dass ich ein paar Jahre später Ninas Schwester, deren Name auf der Fahndungsliste des SNI stand, „im Untergrund", das hieß in diesem Fall konkret in einem etwas abgelegenen Stadtteil von Porto Alegre-RS, besuchte, um ihr Grüße der Schwester aus Deutschland zu übermitteln. Im Gespräch mit dem Padre gab ich dann noch eine wunderhübsche Anekdote zum besten, die mir D. Hélder einmal erzählt hatte: die estória von der doutora und dem Fischer, dessen Ratschlag am Ende eines Gesprächs mit jener jungen Soziologin aus Rio de Janeiro gelautet hatte: Temos que trocar a nossa ignorância - wir müssen unsere Unwissenheit austauschen! Nachdem ich diese Anekdote erzählt hatte, wurde ich ohne langes Federlesen eingeladen, die Taufhandlung zu übernehmen. Eine erstaunliche Offenheit! Der batismo der kleinen Tainá in der Igreja de Casa Forte war für 17.00 Uhr - im Anschluss an eine Messe für Familien - angesetzt. Pe. Edvaldo hatte mich nach der vorangehenden Messe der Gemeinde vorgestellt und angekündigt, dass der anwesende Pastor luterano da Alemanha nun sein Enkelkind taufen werde. Die ganze Gemeinde klatschte Beifall. Anstatt, wie zuvor besprochen, an der Kasualie mitzuwirken, sagte mir Pe. Edvaldo in der Sakristei, es sei nicht sehr sinnvoll, wenn er während der Taufe auch zugegen wäre, ich solle die Amtshandlung allein vollziehen und zwar ganz genau so, wie es in meiner Gemeinde üblich sei. - Sieben Jahre später wurde dieser Mann, ein weltoffener Priester mit Leib und Seele, wegen seiner ökumenischen Aufgeschlossenheit schändlich gestraft. Der Buchstabe des Gesetzes galt in den Augen der Traditionalisten mehr als applizierte Liebe zu den Mitmenschen.

Die Liste der im Gefolge einer rückwärtsgewandten Politik des Vatikans ist lang. Es wurden viele lateinamerikanische Theologen, die mehr oder weniger der „Theologie der Befreiung" anhingen, gemaßregelt oder exkommuniziert, angefangen bei dem weltbekannten nicaraguanischen Jesuiten Ernesto Cardenal, bis hin zu Gustavo Gutiérrez und dem Brasilianer Leonardo Boff. Prof. Houtart vom Instituto de Teologia von Recife (ITER) ging nach Europa zurück und am Ende wurde das Institut ebenso geschlossen, wie das Seminar des Nordostens, beide von Dom Hélder gegründet. Diesen selbst vermochte man nicht disziplinarisch anzutasten, er verstarb ja auch noch rechtzeitig, in seiner Diözese allerdings räumte man rücksichtslos auf. Alle „seine" Leute wurden nach und nach entfernt; Pe. Edvaldo war wohl als einziger noch übriggeblieben, bis es 2007 auch ihn erwischte. Er waren nicht wenige Katholiken aus Recife, die mir um die Jahrtausendwende sagten: „Wenn Dom Hélder noch lebte, wäre Padre „Edivaldo" längst Bischof!"

Die neue Politik des Episkopats musste sich letztendlich auch auf die Arbeit der CNBB auswirken. Von dort kamen allerdings durchaus noch Töne, wie die des scheidenden Vorsitzenden D. Luciano Mendes de Almeida, der im Juli 1994 das persönliche Engagement der Bischöfe und Priester in Fragen der Politik befürwortete. Es handle sich dabei um einen notwendigen Dienst am Vaterland, der zum Erziehungsauftrag der Geistlichen gehöre.

Die Kirche kehre zurück zum catolicismo à moda antiga, de hostia, incenso, coroinhas, batinas e oração - zu einem altmodischen Katholizismus mit Hostie, Lobgesängen, Krönchen, Priesterröcken und Gebet - kommentiert veja (24.5.95). Wenn die eigentlichen Merkmale des „ultramontan"-konservativen Katholizismus, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in der noch kaum erwachsenen Republik beherrscht hatte, in einem starren Ritualismus und rigorosen Moralismus bestanden hatten, so war die Kirche gegen Ende des zweiten Jahrtausends nun wieder zu der Gestalt zurückgekehrt, in welcher sie in einer konservativen katholischen Strömung wie dem Movimento Familiar Cristão gepflegt wurde; dann entsprach sie in frappierender Weise der Religiosität, die man aus der Bewegung TFP (Tradição, Família e Propriedade) bestens kennt.

Es fällt schon auf, dass anstelle von Begriffen wie pastoral da terra nun von einer pastoral Litúrgico-musical die Rede ist, wie in der Diözese Bagé, im Grenzgebiet zu Uruguay, deren Bischof, D. Gílio Felicitas, sich derzeit engagiert um die Anschaffung einer Orgel der traditionellen Firma Bohn , Novo Hamburgo, bemüht, wie er mir im Mai 2008 erzählte, als ich ihn in seiner neuen Umwelt unter den riograndenser fazendeiros besuchte. Die Entwicklung der Römisch-katholischen Kirche nach dem Vaticanum II bis zum neuen Millennium lässt deutlich eine Phase der Reorientierung erkennen, um es hier einmal so auszudrücken. Man legt stärker als bislang Wert auf die spirituellen Elemente der Religion und misst dem Engagement in Sachen der res publica weniger Bedeutung bei, eine durchaus bemerkenswerte Koinzidenz. Dies alles korrespondiert erkennbar auch mit der päpstlichen „Rehabilitierung" des Lateinischen im gottesdienstlichen Gebrauch. Dass bereits Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation kein Freund der von lateinamerikanischen Theologen vertretenen „Theologie der Befreiung" gewesen ist, zeigte sich u. a.. an seinem - glücklicherweise vergeblichen - Bemühen, Männer wie P. Gutiérrez durch disziplinäre Maßnahmen mundtot zu machen.

Das Bild des neuen Präsidenten der CNBB, D. Lucas Moreira Neves, entsprach den Merkmalen eines „altmodischen Katholizismus mit Hostie, Lobgesängen, Krönchen, Priesterröcken und Gebet" in jeder Hinsicht. Er lebte sozusagen in der Welt des 19. Jahrhunderts, in der die Kirche noch der Mittelpunkt des Dorfes war und in der man dem padre vigário noch mit dem alten Gruß „gelobt sei Jesus Christus" die Zeit bot, wie es bei den Bauern im Landesinneren hieß. Das Fernsehen hielt er für ein Instrument im Dienst des Bösen. Obgleich, wie selten ein Bischof, in einer Umgebung von Menschen afrikanischer Herkunft agierend, waren die afro-brasilianischen Kulte in seinen Augen dämonisch. Bezeichnend für die Haltung D. Lucas‘ war es auch, dass er 1998 den schwarzen Bischof D. Gílio Felício, der es liebte, in afrikanischen Gewändern zu zelebrieren und der seine Sympathie für die afro-brasilianischen Traditionen nicht verhehlte, aus der Stadt verbannte. Ein weiterer Punkt auf seinem Programm war der Kampf gegen die „Promiskuität". Die Benutzung von Kondomen, die Anwendung aller Verhütungsmittel oder Praktiken außer Keuschheit brandmarkte er als unmoralisch. Die von ihm vertretene Sexualmoral - von „Ethik" konnte man in diesem Fall auf keineswegs sprechen - entsprach mittelalterlichen Vorstellungen. Geburtenkontrolle, Schwangerschaftsunterbrechung, Geschlechtsverkehr außerhalb einer kirchlich approbierten ehelichen Bindung standen auf dem Index. Auf seine konservative Einstellung hin angesprochen, erwiderte er: „Wenn jemand, der den Glauben und die ethischen und moralischen Werte der Gesellschaft konserviert, als konservativ gilt, dann fühle ich mich nicht betroffen, wenn man mich so bezeichnet. Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist die Evangelisation." Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist nicht weniger bezeichnend. Sie reflektiert sich in einer Begebenheit aus dem Jahr 1969. Damals war D. Lucas Moreira Neves Weihbischof in São Paulo.

Zu jener Zeit, seit September 1969, befanden sich im Zuge der Bekämpfung der von Carlos Marighela gelenkten Stadtguerrilha - Ação Libertadora Nacional (ALN) - vier Ordensbrüder, Dominikaner wie D. Lucas, unter ihnen frei Beto (Carlos Alberto Libânio Cristo), Ives do Amaral Lesbauspin und Fernando de Brito sowie frei Tito de Alencar Lima - in Haft. Bei einem späteren Prozess durch die Militärjustiz hatten sie sich gegenüber insgesamt 134 verschiedenen Anklagen wegen Verbrechend gegen die Nationale Sicherheit, insbesondere der subversiver Tätigkeit in Komplizenschaft mit den erschossenen Terroristenführern Carlos Marighela und Joaquim Câmara Ferreira zu verantworten. Man legte ihnen zur Last, Carlos Marighela und Câmara Ferreira versteckt gehalten haben. Darüber hinaus hätten sie sich um einen falschen Pass bemüht. Brito soll gestanden haben, die Dominikanergruppe, der sich Marighela angeschlossen und laufend Kontakt zu ihm gehalten habe, angeführt zu haben. Im Sommer 1968 soll die Polizei entdeckt haben, dass das Kloster der paulistaner Dominikaner ein Hauptquartier Marighelas sei. Auf Veranlassung D. Paulos habe man damals die Untersuchung eingestellt. Ein Jahr später sei der Skandal ans Tageslicht gekommen, als 2 Dominikaner Geständnisse abgelegt hatten. Später wurde immer wieder behauptet, zwei der Gefangenen hätten der Folter nicht standgehalten und schließlich dem berüchtigten Polizeichef Fleury geholfen, das Versteck Marighelas ausfindig zu machen.

D. Lucas, begleitet vom Provinzial der Dominikaner in São Paulo, frei Domingos, besuchte die vier Ordensbrüder. Dabei war es ihm nicht entgangen, dass die Inhaftierten schwer misshandelt worden waren. Als man ihn jedoch bat, über den Besuch bei den Patres einen Bericht abzufassen, weigerte er sich. Man habe ihn nicht um einen Appell gegen die Folter zur Veröffentlichung gebeten, sondern um einen nüchternen Bericht für den internen Gebrauch, erläuterte später frei Ivo (Ives do Amaral Lebauspin) einer der vier Häftlinge. Der Weihbischof hatte die Gräuel in den Kellern der Gefängnisse gesehen, jedoch darüber geschwiegen. Frei Tito wurde später gegen den entführten Schweizer Botschafter Giovani Enrico Bucher ausgetauscht und verbannt. In einem Waldstück des französischen Klosters, das ihn aufgenommen hatte, nahm sich 1974 durch Erhängen das Leben. Auch frei Beto bezog sich in seinem Buch Batismo de Sangue auf D. Lucas: Beim Prozess gegen frei Tito hatte dessen Verteidiger D. Lucas als Zeugen dafür benannt, dass sein Mandant gefoltert worden sei. Der hohe Würdenträger weigerte sich auszusagen, mit der Bemerkung, eine Aussage könne seinen seelsorgerlichen Aufgaben schaden. (veja, 24.5.95)

Im Verlauf eines Interviews, das ich am 15. 1. 1981 mit D. Hélder Câmara geführt hatte, war dieser auf meine Rückfrage hin noch einmal auf die Situation im Lande während der Militärdiktatur zurückgekommen. Ich hatte den Erzbischof auf sein Buch „Bekehrungen eines Bischofs" angesprochen. Dort oder möglicherweise auch in einem anderen seiner Bücher glaubte ich zwischen den Zeilen eine gewisse Besorgnis hinsichtlich der politischen „Öffnung" in Brasilien erkannt zu haben: Auf die Öffnung zu vertrauen sei eine Illusion. So fragte ich nun ganz direkt: „Sehen Sie eine akute Gefahr für die abertura - Öffnung? Meinen Sie, es könnte bald einen Rückschlag geben?" Die Antwort lautete: „Ich spreche normalerweise nicht nur über mein Land, zumal, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, das, was sich heute in einem Land ereignet, sich leicht in anderen Ländern wiederholt, manchmal in unterschiedlicher Ausprägung. In Lateinamerika zum Beispiel gibt es eine Ideologie der Nationalen Sicherheit. Das ist eine sehr ernste Sache, weil die nationale Sicherheit als der höchste Wert angesehen wird. Sehen Sie, wenn man einen Wert absolut setzt, dann ist dies Idolatrie, Götzendienst, und jeder Götzendienst bringt Unglück. Es handelt sich bei der nationalen Sicherheit wirklich um den höchsten aller Werte: alles ist erlaubt, diesen Wert aufrecht zu erhalten: Entführungen, Folter, das Verschwindenlassen von Menschen, das Töten von Menschen. Aber sehen Sie, dies ist weit davon entfernt, nur ein lateinamerikanisches oder nur ein Problem der Dritten Welt zu sein. Ich beobachte, wie man heute unter allen möglichen Vorwänden und unter Berufung auf die nationale Sicherheit mit der Möglichkeit des Krieges spielt. Noch immer gilt der alte römische slogan: Wollt ihr Frieden, dann rüstet für den Krieg. Paul VI hat diesen slogan geschickt abgewandelt, als er sagte: „Wollt ihr Frieden, dann bereitet den Frieden."

Da sich zu jener Zeit nicht nur im politischen Bereich gravierende Änderungen abgezeichnet hatten, sondern auch im Bereich der Kirche eine gewisse Neuorientierung zu beobachten war, fragte ich ganz gezielt auch nach D. Hélders Beurteilung der Situation: „Ich habe in diesen Wochen in den Andenländern, aber auch in Paraguay, und hier in Brasilien mit vielen Menschen gesprochen, die großen Respekt vor der Kirche haben, besonders angesichts ihres sozial-politischen Engagements. Nun las ich von dem Weihnachtsbrief des Papstes an die brasilianischen Bischöfe und spürte bei seiner Lektüre eine gewisse Besorgnis, dass die Kirche in Brasilien sich auf die alten konservativen Positionen zurückziehen könnte und dass die Priester wieder in die Sakristei zurückkehren würden. Ist dies tatsächlich eine Gefahr?" D. Hélders Antwort war von ungewöhnlicher Präzision: „Nein, nicht im geringsten. Der Papst war hier bei uns. Schon bevor er kam, ließ er darüber keinen Zweifel, dass er nicht als Tourist zu kommen gedenke, sondern als Pilger. Er wollte nicht nur Städte besuchen, sondern unsere Probleme kennen lernen und mit den Bischöfen zusammenkommen, und da gab es zehn, zwölf Begegnungen. Er bestand darauf, seitens der örtlichen Kirchen Zahlen, Informationen und Berichte zu bekommen, denn er wollte nicht nur als Tourist kommen, sondern als Pilger der Kirche. Hier zum Beispiel habe ich ihm vorgeschlagen, über die Landarbeiter, die camponeses zu sprechen. Es war einfach bewundernswert, wie er das ihm zur Verfügung gestellte Material auswertete, einfach bewundernswert. Was nun die Position der Kirche betrifft, so ließ er nicht den geringsten Zweifel daran, dass die gesamte Kirche, einschließlich der hierarchischen, sich nicht aus der Politik im Sinne der Sorge angesichts der großen Probleme der Menschheit und der Verteidigung der Menschenrechte, die keine Erfindung der Vereinten Nationen sind, zurückziehen darf. Den Vereinten Nationen gebührt der Ruhm, die Menschenrechte zu verkünden, aber sie stammen von Gott selbst, der diese Rechte in unser Fleisch und in unseren Geist geschrieben hat, und kein Mächtiger dieser Welt wird diese Rechte unterdrücken dürfen. Die Rechte der Menschen zu verteidigen und uns zur Verteidigung einer gerechteren Welt zu schlagen, ist also nicht nur ein Recht sondern eine Pflicht einer jeden menschlichen Kreatur und mehr noch eines Christen und, ganz selbstverständlich, eines Pastors. Was allerdings die Parteipolitik anbelangt, so ist diese traditionsgemäß ein besonderes Wirkungsfeld der Laien. Wir müssen so weitsichtig sein, unsere Laien vorzubereiten, damit sie aus den verschiedenen Parteien, sofern es verschiedene Parteien gibt, und der Programme derjenigen Personen, die diese Programme vertreten, und auch im Zusammenleben - die Erfahrung selbst ist ein guter Lehrmeister - damit sie also aus den verschiedenen Parteien eine Partei auswählen, die den christlichen Forderungen im Rahmen einer politischen Ordnung am ehesten entspricht. Der Papst hat also in seinem Brief nichts von alledem zurückgenommen, was er während seines so überaus providentiellen Besuchs, der uns Unterstützung und Ermutigung brachte, gesagt hat."

Was der Generalsekretär der PMDB-Pernambuco und ehemalige Priester, Pedro Mansueto de Lavor, zur Frage eines politischen Engagements der Priester und der Kirche erklärte (23.1.81), klang schon etwas anders: „Man kann sagen, es gibt Gemeinsamkeiten der Arbeit, eine ständige Verbindung zwischen den Basisgemeinden und einigen Leuten, die in der Arbeiterpartei (PT) tätig sind, oder anderen, die in der Partei Brasilianische Demokratische Bewegung (PMDB) mitarbeiten. Dies kann jedoch nicht bedeuten, dass die Kirche irgendeine dieser Parteien unterstützt, und noch viel weniger, dass sie sich mit einer derselben identifiziert. Die Haltung der Kirche ist eindeutig. Sogar die Mitarbeiter einiger Leute aus dem Klerus in politischen Parteien, sei es auf der Seite der Regierung oder aufseiten der Opposition, wird mit vielen Vorbehalten angesehen, und dies umso mehr, als der Papst, wie wir seit kurzem wissen, solche politische Mitarbeit nicht gerade gern sieht. In diesem Punkt muss ich energisch widersprechen, sowohl dem Papst als auch der Hierarchie der Kirche. Gemeindeglieder, ob es sich nun um Pfarrer oder Laien handeln mag, haben nicht nur das Recht, sondern, wie ich glaube, aus bestimmten Anlässen und unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht zur Mitarbeit in den politischen Parteien. Es ist besser, in einer politischen Partei mitzuarbeiten, als mit Waffengewalt und im Guerrillakampf gegen das zu kämpfen, was man für falsch hält. Und wir haben ja hier in Lateinamerika Beispiele von Priestergruppen, die gegen die Unterdrückung zur Waffe greifen mussten, wie zum Beispiel im Falle Nicarágua. Wir meinen, dass es besser ist, als Christen oder als Priester und Angehörige des Klerus, innerhalb einer politischen Partei zu kämpfen, und dies, ohne unsere Handlungsweise mit der offiziellen Handlungsweise der Kirche gleichzusetzen. Wir müssen innerhalb der politischen Parteien kämpfen, ehe es dafür zu spät ist, ehe es notwendig sein mag, zur Verteidigung des Volkes und der Rechte, die wir für unveräußerlich halten, zu den Waffen zu greifen. Es ist sehr wichtig, dies zu sagen. Und ich sage nicht etwa, dass ich das Aufflammen eines bewaffneten Kampfes in unserem Lande wünsche, nichts dergleichen. Was ich sage, ist dies: Eine Auseinandersetzung innerhalb einer politischen Partei ist einer Auseinandersetzung innerhalb einer bewaffneten Gruppe vorzuziehen. Wir wissen dies aufgrund von Beispielen aus anderen Ländern Lateinamerikas, wo sogar Priester zu den Waffen greifen mussten, um gegen die Diktatur zu kämpfen. Wir meinen, es sei vorzuziehen, die vorhandenen Instrumente innerhalb brauchbarer, anerkannter politischer Instrumente, wie es die Parteien sind, zu nutzen, anstatt den Weg des bewaffneten Kampfes zu beschreiten. Es gibt innerhalb des politischen Systems und des begrenzten Freiraums, den uns das gegenwärtige Regime zubilligt, keine anderen Mittel des Kampfes gegen die Willkür und das Regime als die politischen Parteien. Und die Öffnung des Systems ist, wie alle wissen, eine recht zweifelhafte Sache."

Die Konferenz des Conselho Episcopal Latino-Americano (Celam) von Puebla, Mexiko, im Jahre 1979 und der Besuch des Papstes in Brasilien haben in der katholischen Kirche einen Reflexionsprozess verursacht, der zu einer Neudefinierung der Rolle der Kirche führte: Im sozio-politischen Kontext haben sich gewisse Wandlungen vollzogen - so gibt es beispielsweise neue Parteien und einen größeren Spielraum für die Kommunikationsmedien - die sich auch auf die Verhaltensweise der Kirche auswirkten. Die Kirche ist heute nicht mehr die einzige gesellschaftliche Kraft, die sich, mit relativer Immunität ausgestattet, kritisch zu Wort melden kann. Sie darf sich, ohne dass die Gesellschaft dadurch Schaden erleiden würde, wieder stärker auf ihr „eigentliches" Gebiet konzentrieren, sie braucht sich nicht mehr, wie dies zuzeiten geschehen ist, mit „allem" zu beschäftigen. Sie war zu besonderen Notzeiten in die Bresche gesprungen. Der Platz, den sie dabei eingenommen hatte, wird heute von anderen Sektoren der Gesellschaft, zum Beispiel von Parteien, Gewerkschaften, NGOs und mehrerer Menschenrechtsorganisationen, ausgefüllt. Dennoch steht die Kirche auf dem Gebiet der Verteidigung der Menschenrechte nach wie vor in der Frontlinie, obgleich sie die Akzente anders setzt als noch vor ein paar Jahren.

Unter einem Folterregime war die Wachsamkeit der Kirche in Bezug auf die „persönlichen" Rechte der Bürger eine vordringliche Aufgabe. Nachdem sich die Verhältnisse in dieser Hinsicht gebessert hatten, war eine Akzentverschiebung in der Menschenrechtsdebatte nur folgerichtig. Der Nachdruck liegt jetzt mehr auf den grundlegenden sozialen Problemen, wie der Lohn- und Wohnungspolitik, den Landverteilungsfragen, dem Problem der Multinationalen und der Nord-Süd-Problematik.

Die Verteidigung der Menschenrechte in globalem Sinne wird nicht nur als ein Recht, sondern als die Pflicht eines jeden Menschen, eines jeden Christen und insbesondere eines jeden Pfarrers verstanden. Die katholische Kirche in Brasilien sieht sich in dieser Auffassung durch den Papst in besonderer Weise bestätigt. Die in den drei Dekaden von 1960 - 1990 von ihr übernommene Rolle wurde von den oppositionellen Parteien voll gewürdigt. Die Tatsache, dass die Kirche zuzeiten mehr Popularität genoss als die Parteien, ließ sie als Verbündete oder - allerdings auch, sehr zu ihrem Missfallen - als Vehikel für die eigenen, ideologischen Interessen bestimmter politischer Gruppen begehrt erscheinen. Wenn man die Geschichte der Landlosenbewegung oder der Industriearbeiter von São Paulo, die gegen das Regime aufbegehrt hatten oder noch aufbegehren, genau besieht, stellt man fest, dass die „progressiven" Bischöfe ganz selbstverständlich zu strategischen Verbündeten revolutionärer Bewegungen werden konnten oder auch geworden waren, wie Márcio Moreira Alves anmerkt. D. Luciano Mendes de Almeida hatte einmal gesagt, es gebe zwar Invasionen durch die Landlosen, damit habe die Kirche allerdings nichts zu tun. Wenn solche Okkupationen jedoch einmal geschehen seien, hätten christliche Gruppen die Pflicht, ihnen Schutz und Nahrung zu gewähren.

Die Kirche versucht, die Gläubigen auf die Mitarbeit in geeigneten politischen Parteien vorzubereiten. Die meisten engagierten Katholiken finden sich vermutlich in der Arbeiterpartei (PT) und in der Partei Brasilianische Demokratische Bewegung (PMDB). In ihren comunidades eclesiais de base (CEBS) - Basisgemeinden -, Bürgergemeinschaften und ländlichen Genossenschaften leistet die Kirche selbst allgemein-politische Arbeit, die zweifellos zu einer stärkeren Konszientisierung der Bürger führt. Genau besehen, haben sich die Basisgemeinden, deren Zahl in den 80er Jahren auf etwa 70.000 geschätzt wurde, zwar nicht gerade überlebt, jedoch minimiert und grundlegend gewandelt. War einst z.B. die blutigrote Fahne der „Bewegung der Landlosen" (MST) eines der beliebtesten Symbole, denen man in den Räumen begegnete, in denen sich die CEBs zu versammeln pflegten, waren gemeinsame Akte von Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften nichts Ungewöhnliches - ein Priester oder sogar ein Bischof, eine mãe-de-santo - Candomblé-Priesterin -, ein Pfingstprediger und der Schamane eines Índiovolkes, die nebeneinander vor einem Altar standen und, jeder auf seine Weise, mitwirkten - so der revolutionäre Messianismus der Blütezeit mittlerweile einer überraschenden Ernüchterung gewichen oder er hatte sich, tomados pelpo fogo da fé - vom Feuer des Glaubens ergriffen - in charismatisch geprägten Gruppen, in ökologisch orientierte Zirkel und in die alte katholische Mystik geflüchtet. Vamos responder aos apelos que vêm da nova realidade em que vivemos - wir reagieren auf die Herausforderungen der neuen Wirklichkeit, in der wir leben -, erklärte D. Luís Fernandes, Bischof von Campina Grande. (veja 30.7.97) Konkret gesprochen, ist es wahrscheinlich richtig, was Márcio Moreira Alves am Ende seines Buches A Igreja e a Política no Brasil sagt: „Mittelmäßíge Generäle ziehen die erkennbare Sicherheit der Maginotlinie einer gewagten zügigen Durchdringung der Verteidigungslinie mittels eines Blitzkrieges vor. Die Mehrheit des katholischen Hierarchie Brasiliens besitzt noch immer die Mentalität der Maginotlinie."

Einigen Bischöfen, wie z.B. D. Antônio Celso de Queirós, Catanduva-SP, ist es durchaus bewusst, dass sich die Welt zu Beginn des 3. Jahrtausends in einer Zeit des Umbruchs befindet, die dem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, im 16, Jahrhundert, vergleichbar ist, wobei hinzuzufügen wäre, dass es sich diesmal um den Übergang von der durch die Französische Revolution markierten „Moderne" in die „Post-Moderne" handle, bemerkt D. Celso. Die Auswirkung dieses Umbruchs auf die Gemeinde seien gravierend. So sei ein allgemeines Desinteresse der jungen Generation an der Politik zu beobachten. Altruismus, Engagement zugunsten der Armen und Schwachen werde durch ein oberflächliches Glücksstreben verdrängt. Die Stimmungslage widerspiegele sich in dem slogan: „Jedermann für sich und Gott für sonst niemand." Umso wichtiger seien Initiativen wie die der Basisgemeinden, von denen die hierarchische Kirche sich in letzter Zeit mehr oder weniger abgewandt habe. Evangelisation gehöre zum Auftrag der Kirche, doch müsse sie zur Solidarität mit den Brüdern führen. (Tribuna da Imprensa, 4.4.08)

Dazu passt nahezu nahtlos die zur Jahresmitte 2008 von den brasilianischen Bischöfen verkündete Campanha da Fraternidade. Löblicherweise soll durch die „Kampagne der Brüderlichkeit" die Gesellschaft aufgerüttelt und mobilisiert werden, andererseits ist sich die Hierarchie dessen voll bewusst, dass mit guten Wünschen allein nichts zu bewegen ist, und schon gar nicht der schwerfällige brasilianische Staatsapparat. Die Bischöfe wissen, dass sie mit der Campanha da Fraternidade die erstrebte und dringend erforderliche öffentliche Sicherheit nicht werden schaffen können. So wird es dabei bleiben, dass die katholischen Christen des post-modernen Zeitalters nichts anderes tun können, als zu beten, wie Pater José Vanzella, der Exekutivsekretär der Kampagne, bescheiden erklärte.

Der hohe Grad der inneren Konszientisierung der brasilianischen Gesellschaft während der mehr als zwei Jahrzehnte währenden Diktatur der Militärs, ein Prozess der Bewusstseinsbildung, zu dem die Kirche in beträchtlichem Umfang beigetragen hat, berechtigt trotz aller Hindernisse und Störungen zu der Hoffnung, dass es schrittweise doch zu gerechteren und weniger ausbeuterischen Verhältnissen in Brasilien kommen werde. Wie weit an einem solchen Prozess dann die Kirche effizient konstruktiv beteiligt sein wird, muss dahingestellt bleiben. Wie sagt doch der streitbare Márcio Moreira Alves? - Os que passaram pela sacristia não vão mais longe que qualquer outro - „die durch die Sakristei gegangen sind, bewirken auch nicht mehr als jeder andere."

PS: Diesem Text liegt insbesondere Kapitel XXII - Diktatur und Kirche im Rückblick - meines Buches Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Diktatur in Brasilien aus der Perspektive eines kirchlichen Beobachters (ISBN 078-3-939171-19-5) zu Grunde.

Dienstag, 27. Januar 2009

Eine Reise im Chile von 1972



- Im Oldtimerzug von Santiago nach Valdivia -


Heinz F. Dressel


Wir schreiben den 10. August 1972. Ich lasse mich von meinem Hotel in Santiago de Chile zum Flugplatz für vuelos domesticos - Inlandflüge - bringen. Mein Ziel ist die kleine Universitätsstadt Valdivia, 850 km tiefer im Süden des langgestreckten Andenlandes. Um 12.15 Uhr vollziehe ich das ,,cheque-in” beim LAN-Chileno, der chilenischen „Lufthansa”. Das technische Personal dieser Fluggesellschaft wird tatsächlich von der Lufthansa ausgebildet, sofern diese nicht überhaupt die technische Überwachung des Flugzeugparks übernommen hat. Mein Koffer wiegt 29 Kilo, 9 kg mehr, als nach der IATA-Übereinkunft für Passagiere der Tourist-Class erlaubt. Ich zahle 31 Escudos für mein Übergepäck. Es ist das erste Mal nach vier Wochen Fliegerei durch halb Lateinamerika, dass man mein Übergepäck nicht toleriert. Doch Chile hats nötig: 40% des Flugzeugparks steht still. Die stillgelegten Maschinen müssen als Ersatzteilquelle für die übrigen 60% herhalten. Ersatzteile sind rar, denn sie kosten Dollars, die man nicht hat. Nur Dollarschulden. Der offizielle Wechselkurs ist 48 Escudos. Auf dem Schwarzmarkt werden, wie mir ein Professor aus Valdivia später mitteilte, bereits 400 Escudos für den Dollar bezahlt. Das chilenische Papiergeld ist wertlos. Im Ausland wird es überhaupt nicht eingewechselt. Im Lande selbst kann man, für noch so viele Escudos, noch nicht einmal Rindfleisch kaufen. Die Regierung bietet Pferdefleisch als Ersatz an. Selbst Milch, Zwiebeln und Kartoffeln sind knapp. Es mangelt sogar an Toilettenpapier.

Der auf 13.15 Uhr angesetzte Flug nach Valdivia wird auf 14.15 Uhr verschoben. Dann heißt es, nach einigem Hin und Her, die kleine Maschine werde, por motivos tecnicos, aus technischen Gründen, erst um 16.00 Uhr abfliegen. Um 16.30 Uhr schließlich erfahren wir, der Flug sei, jetzt por tiempo malo, wegen schlechten Wetters, überhaupt abgesetzt. Man möge sich am nächsten Tag um 13.00 Uhr wieder erkundigen, jedoch ohne Gewähr, denn der Flug sei bereits ausgebucht. Die Passagiere werden am Schalter aufgerufen und bekommen die Gebühr für das Übergepäck zurück, samt Ticket und Flughafengebühr. Dann darf man sich seinen Koffer holen, der irgendwo auf dem Gelände im Regen steht.

Ich muss am nächsten Tag in Valdivia sein. Da die Wahrscheinlichkeit, morgen einen Platz in der Maschine zu finden, falls sie überhaupt fliegen wird, gering ist, erkundige ich mich nach einer Zugverbindung, von der ich bereits vor meinem Abflug in Deutschland gehört hatte. Ein Herr, der auch sein Glück bei der Eisenbahn versuchen will, tut sich mit mir zusammen, und wir fahren in einem Taxi zum Bahnhof. Der Unbekannte ist sofort bereit, mir eine Fahrkarte für den Schlafwagen zu kaufen, als er hört., dass ich durch das plötzliche Umdisponieren, in Geldschwierigkeiten geraten bin. Er weiß von mir nur, dass ich aus Deutschland bin. Wir ergattern ein Zweiercoupé im Schlafwagen. Inzwischen habe ich meinem liebenswürdigen Begleiter erzählt, dass ich evangelischer Pfarrer und für das Ökumenische Studienwerk unterwegs bin, um Universitätsstipendien anzubieten. Er stellt sich als Bürgermeister von La Union vor. Er ist deutschstämmig, Glied der katholischen Kirche und Anhänger der oppositionellen Partei.

Der Zugkellner kommt ins Abteil und fragt, ob wir, es ist inzwischen 19.00 Uhr, im Salonwagen speisen möchten. Wir sagen zu. Derweilen sehen wir uns das Schlafwagenabteil genauer an. Es ist wohlgepflegt. Meist schlafen Regierungsfunktionäre und Abgeordnete auf ihren Fahrten in den Süden hier. Heute sind, glücklicherweise, nur wenige von ihnen unterwegs. So genießen wir das Privileg, während der langen Nachtfahrt die Beine ausstrecken zu dürfen. Der Wagen stammt aus Leipzig. Das Fabrikationsjahr ist 1928. So ist der Südexpress ein Jahr älter als ich. Die Wände unseres Abteils sind aus solidem Buchenholz. Das Waschbecken erinnert an die hygienischen Einrichtungen alter Schlösser. Das Messinggestänge glänzt wie am Tage der Inbetriebnahme des Waggons.

Inzwischen lädt der Kellner zum Essen em. Es ist etwa 20.00 Uhr. Der Speisewagen, ebenfalls aus Leipzig, strahlt die Atmosphäre der ,,guten, alten Zeit” aus. Die Kronleuchter sind richtiggehend faszinierend. Die unbeschreibIich flexible Federung erinnert einen während der ganzen Mahlzeit daran, dass man in einem Oldtimer sitzt. Kilometerweit wiegt sich der ganze Wagen von links nach rechts, so dass die Weinflaschen auf dem Tisch umfallen und die Hälfte meines indischen Tees überschwappt. Bei diesem Geholper ist das Trinken überhaupt nicht möglich. Selbst auf dem Schiff habe ich solche Bewegung nie erlebt, höchstens einmal in einer Elektra der brasilianischen Fluggesellschaft Varig. Aber auf Schienen?
Als hors doeuvre gibt es Tintenfisch, fein garniert und schmackhaft zubereitet. Dann kommt mein Rührei mit Speck. Uns gegenüber sitzt ein nettes Ehepaar, alte, ergraute Leute. Er, Medízinprofessor an der Katholischen Universität von Santiago, sprudelt nur so vor Lebendigkeit. Unbeschreiblich ist die echt lateinische Sprache der Hände und Arme.

Die Ehefrau legt um so mehr Ausdruck in ihre Stimme. Ich bin wieder im echt lateinamerikanischen Milieu und genieße die vertraute Atmosphäre. Mein Begleiter begleicht die Rechnung für mein Essen und bezahlt selbst die Flasche Mineralwasser, die ich mit in die Koje nehme. Dort gebe ich meinem Reisegefährten, dem Alcalde - Bürgermeister - von La Union, einen DM-Scheck über 25 Mark. Er deckt das Schlafwagenbillet über 850 km Fahrt mit dem abenteuerlichen Oldtimer-Zug. Darüber hinaus bin ich Gast. Ich darf das bequemere Bett belegen, während mein Begleiter nach oben klettert. Der Schaffner hat die Betten wunderbar hergerichtet und ein Ende der Decke kunstvoll aufgedeckt, wie es sich in der aufmerksamen südamerikanischen Hotellerie geziemt.

Mein Reisegefährte beginnt von Enteignungen in der Landwirtschaft zu erzählen und vom wirtschaftlichen Ruin eines Landes, dessen Escudo einmal dem amerikanischen Dollar gleichwertig gewesen sei. Er spricht auch von der katholischen Kirche, der er angehöre, und von marxistischen Priestern und erzählt mir auch von den lutherischen Pastoren aus seiner Region. Die Padres seien „alle Kommunisten“; da seien die luteranos doch anders! Dann übermannt mich der Schlaf. Die Nacht geht schnell vorüber, und ich fühle mich wirklich ausgeruht. Das werde ich an diesem neuen Tag auch nötig haben. Mein Reisegefährte verabschiedet sich. Er wird, um nach La Union zu gelangen, bald eine andere Strecke einzuschlagen haben. Einmal wach, hole ich, um 7.30 Uhr, erstmalig nach vier Wochen des Reisens durch tropische Regionen, meinen Wintermantel aus dem Koffer und mache mich fertig. In einer Stunde soll ich in Valdivia sein, wo ich für das Ökumenische Studienwerk mit der Universidad Austral Verhandlungen zu führen haben werde. Ich begebe mich in den Speisewagen und lasse mir besonders den heißen Tee munden. Mittlerweile hält der Zug auf einer Station und fährt nach einigem Hin und Her wieder los. Ich denke mir nichts dabei, sondern widme mich dem appetitlich angerichteten Frühstück. Da betritt plötzlich mein Gefährte von gestern den Speisewagen, sieht mich sitzen, stutzt und kommt lachend auf mich zu. ,,Wissen Sie”, sagt er, ,,dass Sie sich nun auf dem Weg nach La Union, 100 km südlich von Valdivia, befinden, während Ihr Gepäck im Kurswagen nach Valdivia unterwegs ist?” Eine schöne Überraschung für den reisenden Ausländer! Doch in Chile ,,arregliert” sich alles: Der Alcalde gibt mir die Adresse eines Lutheraners im nächsten Ort und trägt mir auf, diesem zu bestellen, er möge mir eventuell ein Taxi nach Valdivia besorgen. 50 km seien es bis dorthin. Dann bezahlt er mein Frühstück und begleitet mich, bei der nächsten Station angekommen, zum Ausgang. Dort übergibt er mich, man kennt sich eben auf einer solchen Strecke, der Obhut eines jungen Arztes, der hier aussteigt. Dieser wird von einer Ambulanz abgeholt. Ich steige zu und wir fahren zu seiner Wohnung, wo ihn sein dreijähriges Töchterchen stürmisch begrüßt. Ich lerne die Wohnkultur eines chilenischen Landarztes kennen: eine recht ärmliche Einrichtung, aber ein Plattenspieler, der von kulturellen Bedürfnissen auch in dieser verlorenen Ortschaft zeugt. Ganz selbstverständlich werde ich zu einer Tasse Tee eingeladen. Zwischendurch ruft der freundliche Arzt den Lutheraner an, der auf einem 8 km entfernten Gut arbeitet. Bald fährt er mit dem Lastwagen einer landwirtschaftlichen Genossenschaft vor, bringt mich damit zu seinem Gut und fährt mich dann, in seinem Privatauto, 50 km weit nach Valdivia.

Wir fahren zuallererst zum Bahnhof. Dort steht, auf einem Abstellgleis, der Oldtimerzug. Alle Türen sind verschlossen, aber das Zugpersonal ist noch da, macht die Betten und räumt auf. Ich werde lachend eingelassen. Man weiß sofort Bescheid: „Ihr Koffer ist dort!“ Auf dem Gang des Schlafwagens steht mein Gepäck, der Mantel fein säuberlich darübergebreitet. Nichts ist beschädigt, nichts fehlt. Wir fahren, erleichtert, zur Wohnung meines Kollegen.

Der freundliche Helfer in der Not aus der Ortschaft Paillaco läßt sich die Fahrt nicht bezahlen. Da kein Taxi aufzutreiben gewesen ist, entschloss er sich sofort, mich selbst zu fahren. Das bedeutete etwas in Chile! Es gab weder Ersatzteile noch Autoreifen. Deshalb standen in Santiago zweitausend Taxis still; eine Stadt ohne Taxis, ganz im Gegensatz zu Rio, Caracas, Bogotá oder Lima. In Santiago fiel mir einmal ein Ehepaar auf, das mit großen Augen vor der spärlichen Auslage eines Wurstwarengeschäfts stand. In Valdivia sah ich auf dem Markt ganze Rinderkeulen und sogar Büchsenmilch. Ein ewig langer Streik der Taxi- und Lkw-Fahrer und dazu eine bürokratische Fiskalisation hatten ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes unmöglich gemacht. So gab es praktisch kein Fleisch für die Geschäfte des Stadtzentrums von Santiago. Nichts hätte der Regierung Allende gerade jetzt so gelegen kommen können wie eine ordentliche Wagenladung Rindfleisch, denn in dieser Millionenstadt sassen die meisten ihrer Wähler!

Die abenteuerliche Fahrt im Oldtimer war für mich auch menschlich ein Erlebnis. Wildfremde Menschen überraschten mich mit einer Hilfsbereitschaft, wie sie in unseren Breiten kaum mehr denkbar gewesen wäre. Ich werde den katholischen Provinzbürgermeister aus Südchile nicht vergessen. Gern habe ich seine Grüße an einen ehemaligen Mitarbeiter bestellt, der seinerzeit von Ungarn nach Chile geflüchtet war. Von dort hatte ihn sein Weg nach Bochum geführt, wo im Ökumenischen Studienwerk auch mein Schreibtisch stand. Wie klein doch manchmal die Welt ist!

Sonntag, 7. Dezember 2008

BRASIL: REFORMA AGRÁRIA


A ANÁLISE DE JOAQUIM NABUCO:

O conflito de terra como herança do período da Colônia

O "reformador social, agitador, revolucionário e pioneiro do socialismo e do trabalhismo no Brasil", Joaquim Nabuco, como resumiu Gilberto Freyre, tinha, como nenhum outro político brasileiro de seu tempo, uma visão concreta e uma sensibilidade firme com referência às possibilidades dos homens abandonados por séculos no interior do país. Com um pouco de fantasia, poderíamos constatar na atuação de Nabuco já os primeiros sinais do fenômeno das Ligas Camponesas, de Francisco Julião, particularmente quando dizia aos escravos abolidos: Fora da associação não tendes que ter esperança! Joaquim Aurélio Barreto Nabuco de Araújo não tinha papas na língua. Com o rigor e o radicalismo característicos da juventude, o estudante dos direitos colocou às celebridades do Recife e de Rio de Janeiro o espelho perante a cara: "O começo de nossa sociedade no decurso da história do século XVI foi idêntico com o tráfico dos negros. Temos, portanto, uma propriedade baseada em um crime" (J. Nabuco, A Escravidão, 1870).

Nabuco foi além de habitual abolicionista — reformador e agitador social, liberal-radical, com alguma coisa de socialista, "socialista ético" — em sua crítica ao sistema de trabalho e de propriedade dominante no Brasil imperial: homens donos de homens, terras imensas, dominadas feudalmente por umas poucas famílias privilegiadas; escravidão e latifúndio. É possível chamar Nabuco também de "moralista socialista", inclusive quando a gente considera algumas de suas idéias; "revolucionário autêntico", como disse doutor Gilberto na introdução do tomo autobiográfico de Nabuco — Minha Formação.

Nabuco nasceu num sobrado na periferia "urbana", às margens do Recife, onde a cidade e o interior se encontravam. Seu interesse pelos escravos e suas condições de vida, junto com sua identificação humana para com eles, tornou-se dedicação existencial em prol da abolição. Quando chegou o dia 13 de maio de 1888 Nabuco não se mostrou satisfeito, pois imaginava uma transformação radical da economia nacional. Diante da sobrevivência do sistema da escravatura, disfarçado nas estruturas socioeconômicas muito parecidas ao antigo sistema, e apenas substituidas por "instituições auxiliares", Nabuco reclamou: "Acabar com a escravidão não basta." O sistema da escravidão tinha de ser destruído totalmente.

Com uma crítica mordaz, denunciou o sistema dominante no Império, sistema de trabalho e de propriedade, no qual alguns homens eram os senhores absolutos sobre seus semelhantes, sistema pelo qual umas poucas famílias privilegiadas, em suas fazendas e a custa de seus escravos negros, enriquecem de maneira insuportável. Aos olhos de Nabuco, o que se seguiu à abolição, substituindo os escravos por chamados "livres" artífices e trabalhadores, foi apenas a aplicação do velho truque de "só para inglês ver", porque continuava o monopólio da terra recebida como herança, sem qualquer modificação jurídica, quer dizer, o sistema perdurou por intermédio das "instituições auxiliares", sustentando a escravidão.

"O que é o operário?", perguntou, e sua resposta foi: "Nada, O que virá ele a ser? Tudo." Pois gente trabalhando, isso significaria o futuro, a expansão e o crescimento da economia do Brasil, dizia. Seria o trabalho, o trabalhador, que, segundo ele, precisavam ser libertados, apoiados e protegidos, e isso em toda a extensão do país, sem diferenças de raças nem de ofícios. Apesar de que, no século XX, muita gente não concordava com isso, porque Nabuco veio da Casa Grande e sempre foi católico praticante e não marxista, por motivos da verdade histórica, deve-se constatar que este "reformador social" foi o verdadeiro precursor do moderno movimento brasileiro de valorização do trabalho e da gente de trabalho. Ele tinha percebido o desprezo tradicional ao trabalho manual cultivado pelo português. O substantivo trabalho deriva do termo latim tripalium, uma espécie de enxada de três dentes de metal. Na linguagem do povo, a palavra tripalium logo pegou um ressaibo desagradável, no sentido de tortura e cansaço. Trabalho ou, entre os vizinhos de vernáculo castelhano, trabajo, em qualquer hipótese, não era nada apropriado para um hidalgo. Os numerosos filhos de alguém, os filhos da nobreza lusitana ou castelhana — fossem eles ricos ou pobres — não tinham nada a ver com esta coisa. Seu preconceito para com o trabalho manual marcou não apenas a colônia, mas também os mais diversos povos ao longo das costas dos territórios asiáticos que ficaram por períodos mais longos sob domínio português, como por exemplo, nas ilhas indonésias de Flores e Timor.

Do ponto de vista jurídico, para Joaquim Nabuco, a escravidão foi um crime contra a humanidade. Durante toda sua vida ele não foi apenas um escritor rebelde, mas assumiu também o papel de agitador político e revolucionário social. Hoje em dia resta-nos apenas admirar tamanha visão profética revelada pelo monarquista Joaquim Nabuco em seus tempos. Ele comparou a escravidão com um mal que, como um câncer, se espalha pelo corpo inteiro da nação, contaminando e destruindo os valores morais de toda gente. É por isso que solicitou o fim desta vergonha nacional, defendendo uma democratização do solo, uma reforma agrária por meio da qual os libertados pudessem participar da expansão da economia nacional como agricultores livres e iguais. Mais urgentes do que reformas políticas, disse ele, são reformas sociais, antes de tudo duas grandes reformas: a completa abolição cívica e territorial dos escravos, o único meio para a integração da pátria, e, a segunda, a extensão global da educação moral e da instrução técnica.

A escravidão produz a permanente divisão do povo em duas classes: em livres senhores e escravos, situação que leva ao mesmo tempo a uma luta permanente entre estes dois grupos. A escravidão, explica Nabuco, está uma instituição que acompanha a nossa pátria desde que esta acordou para existir e viver. Quase simultaneamente, com o seu descobrimento, ela entrou no Brasil. Tão logo que este crime complexo começou a entrar no corpo da sociedade, ele pariu leis incompatíveis com qualquer moral, leis cívicas, contraditórias às leis da natureza. A escravidão transformou a moral em moral dupla, quer dizer, adicionalmente, uma moral para a classe dos senhores de engenhos ou donos de escravos, respectivamente. A sociedade escravista fez do trabalho, coisa mais nobre de todos os esforços humanos, a mais vulgar de todas as atividades. Assim, a escravidão é uma escola do crime, ela envenena os corações dos senhores igual aos corações de seus escravos.
Quando a abolição se tornou realidade, Nabuco não se contentou com a mera libertação dos escravizados, mas, pelo contrário, logo percebeu os problemas colaterais de uma ação tão isolada como esta forma de abolição: à massa dos libertados, não apenas faltaria a qualificação profissional para conseguir a integração na sociedade burguesa; o escravo libertado também careceria da mentalidade e autodisciplina do operário em uma sociedade capitalista. Nestas condições, os abolidos que não permaneciam nas plantações, como camponeses destituídos de qualquer direitos, formariam a grande massa de proletários nas margens dos centros urbanos. A proporção da população preta é considerável, antes de tudo, onde tradicionalmente se encontravam as grandes usinas de açúcar, no Nordeste, especialmente no Recife e na Bahia, e também, no Rio de Janeiro, mas igualmente em Minas Gerais, onde se procurou muita mão-de-obra de escravo africano durante o ciclo do ouro, e em São Paulo, onde se colocou os negros nas grandes plantações de café. Mais tarde, eram especialmente os grandes centros da indústria e do comércio, como São Paulo e Rio de Janeiro, que atraíram grandes contingentes de pretos da Bahia e do Recife.

Devemos concordar com César Benjamin, que relaciona o problema agudo dos tempos da escravidão, o da fuga de braços (baratos) das fazendas por motivo da fuga de escravos aos quilombos remotos, com a política adotada pelos escravocratas diante da abolição vindoura: como — depois da libertação dos escravos — seria possível manter a necessária mão-de-obra barata na fazenda, impedindo-se ao mesmo tempo a formação de minifúndios, ou seja, de núcleos da agricultura de subsistência, ao redor do latifúndio e, simultaneamente, manter, no país, o próprio poder, nunca questionado durante séculos inteiros?

A solução do problema seria a publicação da Lei de Terras do ano de 1850, que revogou a anterior Lei da Terra Livre, lei tradicional que garantiu a cada um o título de posse referente à parcela de solo em que ele havia vivido e trabalhado por um período suficiente, ou seja, por exatamente um ano mais um dia. O artigo 125 da antiga Constituição havia consagrado a velha prática: cada cidadão brasileiro — embora não sendo o proprietário legal de um pedaço de terra no interior ou na cidade — que lá vive por 10 anos ininterruptos, e sem que alguém tenha protestado contra isso, e sem consciência de que ele tenha ocupado o que era propriedade de outros, que — nestes termos — cada cidadão tenha o direito de cultivar uma parcela de terra até um tamanho de 10 ha e de nela morar. Ele também tem o direito de receber um título de posse pelo cartório. Assim era a antiga legislação.

A partir de então (1850) concede-se o direito de receber um título legal sobre um pedaço de terra apenas às pessoas que podem apresentar um documento de doação fornecido pela própria Coroa, ou também quando a compra legal da parcela pode ser devidamente comprovada. Assim — um efeito colateral da lei torornou-se o solo um objeto, artigo de comércio. E outro aspecto negativo: em casos duvidosos de legalidade da propriedade de terra, renova-se preferencialmente a velha prática de queimar arquivos, repetindo o exemplo de Rui Barbosa que — depois da abolição —, no dia 14 de dezembro de 1890 mandou queimar os registros dos escravos arquivados no Ministério de Fazenda. Seguindo este exemplo, há alguns anos, o cartório de São Miguel do Guamá, na região da transamazônica Belém-Brasília, foi destruído pelas chamas de um fogo de origem duvidosa.

No ano de 1822 entrou em vigor a Lei da Terra Livre; os camponeses, porém, continuavam sendo escravos destituídos de direitos. Ao chegar o tempo de pôr os escravos em liberdade, os senhores de engenho fizeram tudo para segurar o solo, como observou César Benjamin. Seguraram com toda firmeza as velhas sesmarias em seu poder, enquanto que o restante da terra brasileira ficou em poder da Coroa e dos beneficiários da monarquia, que ganharam imensos territórios que depois capitalizaram. A massa dos infortunados, os caboclos, negros libertados e camponeses, ficaram impedidos de participar da festa. Os sem-terra (como Joaquim Nabuco os chamou) não conseguiram ter acesso à propriedade de terra. Assim, o problema da escravidão transformou-se em problema de terra, constatou Joaquim Nabuco.

A partir da abolição, os pretos encontraram-se libertados da opressão da escravatura, mas ficaram cativos da pobreza nos bairros miseráveis das periferias dos centros urbanos. A massa dos ex-escravos transformou-se em uma camada marginalizada da população, subsistindo em quarteirões coletivos, nos quais viviam 50 famílias, e nos porões de velhos casarões e mocambos das grandes cidades. Nas capitais de Estado, que sofreram as conseqüências de megalocefalia, a cada manhã turmas inteiras de empregadas domésticas de pele escura deixam suas modestas moradias para assumirem seus postos nos edifícios e habitações luxuosos de seu patrão ou de sua patroa. 80% das criadas, empregadas, cozinheiras e lavadeiras provêm da senzala.

Foi o grande Rui Barbosa que comentou: O cadáver da escravidão começa a putrefazer-se nas ruas do Brasil, e acrescentou que as condições de vida dos escravos nos engenhos de açúcar seriam relativamente melhores do que as condições em que o crescente proletariado preto se encontrava depois da libertação.

Heinz F. Dressel

Sonntag, 30. November 2008

Die Metaphysik der Maispflanze




Der Mais bildete seit vielen Jahrtausenden die Ernährungsgrundlage für die Bewohner der „Neuen Welt", vom Nordosten Nordamerikas bis hinunter nach Argentinien und Chile. Die Urheimat der Maispflanzen wird in Mittelamerika vermutet. Besonders in den von den Mayas bewohnten Regionen, von Guatemala bis Yukatán/Mexico, wurden der Mais und seine Derivate zu essentiellen Elementen der Kultur und damit auch der Religion. „Mais ist heiliger Mais, jedes Maiskorn ist von Bedeutung." (Mariana Gabriel)
Die mystische Verbindung von Mais und Mensch war von jeher eines der herausragendsten Themen der Mythologie der vor-kolumbianischen Bewohner Amerikas. Dies gilt für viele Indiovölker, für die Mayas in Guatemala allerdings in besonderer Weise. Ihnen zum Gedächtnis schrieb der guatemaltekische Diplomat Miguel Angel Asturias - gefeierter Autor, LeninFriedenspreisträger (1966) und Nobelpreisträger für Literatur (1967) seine Leyendas de Guatemala und den Roman Hombres de Maíz. Dabei bezog er sich konstant und konsequent auf die Grundaussage des Mythos, wie das heilige Buch der Mayas, Popol Vuh, sie konstatiert: Der Indio ist aus Mais gemacht. Nach der traditionellen Legende La creación de los hombres de maíz - Die Erschaffung der Maismenschen - haben der Schöpfer und der Gestalter zuerst aus gelbem und weißem Mais das Fleisch des Menschen erschaffen, um aus der mit Mais angerührten Masse danach die Arme und Beine des Menschen zu formen. Aus einer ausschließlich aus Mais bestehenden Masse sei das Fleisch der Voreltern der menschlichen Rasse erschaffen worden, glaubten die Mayas. Der Indio pflege nicht grundsätzlich zwischen sich selbst und der ihn umgebenden Natur zu unterscheiden, betont Miguel Angel Asturias. Die Mutter Erde sei ihm heilig, der Erdboden, mit dem sich die Gebeine seiner Vorfahren vermischten und in den bei seiner Geburt seine eigene Nabelschnur eingegraben wurde; die Pflanzen die darauf wachsen, und die Tiere, die ihn umgeben, ja, auch er selbst: alle sind sie Manifestationen des Lebens, das von den Göttern kommt. Und in diesem Zusammenhang fällt dem Mais eine überragende Rolle zu, dem Mais, dessen Korn in die Erde fällt und stirbt, um schließlich als lebenserhaltendes Gewächs mit großen Kolben entlang des Stängels wieder aus dem Erdboden aufzusprießen. Die Maispflanze ist ein faszinierendes Paradigma der Dynamik der Natur und ein heiliges Symbol für das Mysterium des Lebens. Das Wachstum der Maispflanze den Indios gilt sozusagen als Abbild des Wachstumsprozesses bei den Menschen. (O crescimento do milho é visto como o processo de maturação das próprias pessoas. [Gourevitch, A. Y. As culturas e o tempo. In Ricoeur et al., 1975])




Es sei hier an die Kaingang-Legende von dem alten Nhára erinnert, der sich aufgeopfert hat, indem er sich auf dem Acker unterpflügen ließ, damit nicht das ganze Dorf zu hungern brauchte, nachdem im Wald nicht mehr genug Nahrung für alle zu finden war. Sein Opfer bescherte den Kaingang ein Feld voller Pflanzen mit großen Kolben entlang des Stängels, den Mais, und darüber hinaus auch noch Bohnen und Kürbisse.
Weil dies einst geschehen ist, erzählt der Kaingang-Lehrer Irani Kegránh Miguel aus Inhacorá-RS, haben wir heute die Gewohnheit Mais zu pflanzen. Der Mais gehört uns, denn er wurde verstreut wie der Leib des alten Nhára; er starb und wurde auf dem Acker über unserer Mutter Erde begraben. Es waren nicht die Weißen, die ihn aus ihrem Heimatland mitgebracht haben. Wir nennen ihn gãr, weil der Alte nhára hieß, zum Gedächtnis des alten Mannes, der sich in dieser Weise aufgeopfert hat, damit es so geschehen konnte. (Histórias para Crianças, Coleção Artesanato de Idéias VAJYKRE VY TY YAFY NI, Dolair Augusta Callai e Lídia Inês Allebrandt (Orgs.), Ijuí 2001)
Lúcio Paiva Flores Terena berichtete von einer Begegnung mit einem Pajé der Kaiowá in Mato Grosso do Sul. Er war mit einen abgetragenen Anzug bekleidet, trug eine zerschlissene, alte Krawatte um den Hals und eine schäbige Mütze auf dem Kopf. Sein Volk hatte man in einem winzigen Eingeborenenreservat zusammengepfercht und es befand sich in einer bejammernswerten Lage, gebeutelt von Hunger und Elend. Als Lúcio den alten Zauberpriester fragte, ob es seinem Volke gut gehe, antwortete dieser, indem er auf ein paar Maiskolben, die an der Wand seines Hauses hingen, deutete: Es geht uns gut. Wir werden immer leben. So lange wir Mais haben, werden wir frei sein." Diese Weisheit und diese Hoffnung hatten dem Pajé weder die Missionare noch ein heiliges Buch vermittelt, vielmehr waren diese der eigenen Erfahrung mit dem Grossen Geist entsprungen. Von den Missionaren hatte der Priester lediglich gelernt, wie man sich „zivilisiert" kleidet, nämlich mit einem Anzug auf dem Leib und einer Krawatte um den Hals. Als Lúcio einige Jahre später wieder in das Gebiet dieses traditionellen Priesters kam, traf er auf ansehnliche Maispflanzungen. Seine Weisheit und seine Hoffnung hatten sich auf die Angehörigen seines Stammes übertragen und in konkrete Energie umgesetzt. (Sass)
In allen Gruppen der Guaranies, wo immer sie leben mögen, beobachten wir eine profunde emotionale, religiöse Verbindung zum Mais, und zwar nicht nur, weil es sich beim Mais um ein Grundnahrungsmittel der Eingeborenen handelt, sondern eigentlich noch mehr, weil diese Pflanze in den Augen der Indios das menschliche Leben und das Leben überhaupt in einzigartiger Weise symbolisiert. Man verglich das eigene Leben mit dem Zyklus der Maispflanze: Niemand konnte vorhersehen, wie seine Tage verlaufen würden. Keiner weiß, ob es am nächsten Tage vielleicht Hagelwetter geben könnte oder gar einen Orkan, in dem die gesamte Pflanzung verwüstet werden mochte. Dies alles konnte sich zutragen, ohne daß der Mais wüsste, wie ihm geschieht. Er weiß nicht einmal, ob es jemals eine richtige Ernte geben wird. So ist es auch mit dem Leben der Menschen. „Unser Körper, ganz wie der Körper der Maispflanze, weiß nicht, was morgen geschehen wird. (George Gusdorf, Mito e metafísica, Convivio, São Paulo 1979, S. 24)
Hier wird einem eindrücklich klar, dass sich die Metaphysik der „unzivilisierten" Mbyá von derjenigen der „primitiven" Israeliten kaum, bzw. nur in Nuancen, die aus dem jeweils unterschiedlichen ambiente zu erklären sind, unterscheidet. Dabei möge man z.B. an die auf Erfahrung gründende Lebensphilosophie des Psalmisten denken:
„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blühet wie eine Blume auf dem Felde;
wenn der Wind darüber geht,
so ist sie nimmer da,
und ihre Stätte kennet sie nicht mehr."
(Ps. 103,15-16)
Für die Kaiovas widerspiegelt sich übrigens in der Maispflanze - vom Samenkorn bis zur vollen Reife - nicht nur das menschliche Leben und überhaupt alles Leben, sondern selbst das Wesen des Göttlichen, der göttlichen Schöpferkraft und des Entstehens und Werdens, des Wachsens und der stufenweisen Entwicklung des Lebens. So sind in der Praxis z.B. auch ihre traditionellen Riten - der Initiationsritus für die Jungen und rustikale Zeremonien - z.B. das Maisfest - von ihrem Wesen her und in der Praxis ganz eng miteinander verquickt.
Bei den Kaiovas ist es üblich, bei einem jährlich begangenen Sommerfest das Getränk aus frischen Maiskörnern - chicha nennen es die Andenvölker - zu begehen, so wie die Chiripá im Zyklus des Kalenderjahres ihren „Bettag in der Wildnis" begehen.
Bei den Maya-Bauern in Yucatán ist es eine unerlässliche Pflicht, vor dem Verzehr der neuen Ernte dem Schöpfer oder seinen himmlischen Dienern gebührend zu danken. Nachdem die Ernte eingebracht wurde, versammelt sich die Dorfgemeinschaft zu einer großen Dankeszeremonie, bei der es nach den Dankgebeten des Priesters nicht an aus Mais zubereiteten alkoholischen Getränken und an tortillas, die an die Teilnehmer des Festes verteilt werden, fehlt. „Nachdem die ersten Maiskolben reif sind, findet eine umfassende Dankzeremonie in zwei Teilen statt. Zuerst werden gekochte Maiskolben und ein Maisgetränk als Opfer dargebracht, beim zweiten Mal werden die Maiskolben im Erdofen gegart. Der Bauer richtet sich jeweils bei Sonnenaufgang nach Osten und beginnt vor dem Altar mit dem Kreuz und den 13 Schalen mit dem Trankopfer mit den Dankgebeten für die erhaltene Ernte. Er richtet sich wie gewohnt an den Dreienigen Gott, die katholischen Heiligen, die Regengötter und die verschiedenen Schutzgötter von Feld und Wald. Erst nach den Zeremonien kann die neue Maisernte für den Konsum der Bauernfamilie ohne Gefahren für deren Gesundheit freigegeben werden. Ähnliche Bitt- und Dankzeremonien finden bei der Aussaat bzw. der Ernte der Bohnen statt... (Mariana Gabriel, Weltbild und Zeremonien der Mayas - Mexiko)
Die Mbyá begehen traditionell das „Fest der reifen Früchte" - ihr „Erntedankfest" und die Zeremonie der „Segnung". Stets steht dabei der Mais im Mittelpunkt, dessen Derivate während des Festes ebenso in flüssiger wie auch in fester Form reichlich genossen werden: kagui und mbojape, chicha und Maiskuchen. (Graciela Chamorro, A Espiritualidade Guarani: uma Teologia Ameríndia da Palavra, São Leopoldo, 1998, S. 95ff.)
Wie die riograndenser Kleinbauern bei der mit dem jährlichen Erntedankfest verbundenen Versteigerung von Früchten zur Aufbesserung der Gemeindekasse insbesondere „Milhokörner" - Maissamen bzw. Saatgut - untereinander austauschten, so gab es seit jeher auch bei den Mbyá im Verlauf des Jahresrhythmus eine Periode, in welcher sie „den Mais austauschten", ganz ohne Zweifel ein Brauch, der dem Erhalt fruchtbaren Saatgutes, von dem die Existenz des Stammes abhing, diente.
Hans Alfred Trein erinnert an die evangelischen Kleinbauern in Espírito Santo, die immer wieder darum gebeten hatten, bei der Taufe ihrer Kinder auch ein kleines, auf dem Bauch des Täuflings befestigtes Couvert mit verschiedenen Samenkörnern einer besonderen Segnung zu unterziehen. Unter diesen Körnern war das Maiskorn eines der wichtigsten Samenkörner. Die Pastoren haben eine derartige Praxis als Aberglauben bekämpft.
Von den Guaranies haben die riograndenser Kleinbauern auch die landwirtschaftliche Technik übernommen, Mais und Bohnen zusammen auf einem Feld zu pflanzen. Die Lusos und Teutos taten dies, um die Ackerfläche ökonomisch zu nutzen, zugleich aber auch in dem Wissen, dass das nach der Ernte zurückbleibende Bohnenkraut ein ideales Düngemittel für das Maisfeld sein würde. Die Ureinwohner Amerikas waren offensichtlich schlauer als manche mitteleuropäischen „Experten", deren einer kürzlich mit der Bemerkung Alarm schlug, Mais sei die „Syphilis der Landwirtschaft, weil er die Böden auslaugt und den Humusgehalt aufbraucht" (Bund Naturschutz Bayern, laut Nürnberger Nachrichten 2./3.6.07). Wenn man die „Energiepflanze" auf dem Wege der Monokultur nutzbar machen will, wie dies unter dem Gesichtspunkt der Treibstoffgewinnung per Nutzung regenerativer Energien in den „hochzivilisierten" Ländern geschieht, folgt unausweichlich die Quittung der missbrauchten Natur in Gestalt der Zerstörung der Fertilität des Bodens. Die Indios wussten um diese Gefahr, deshalb vermieden sie die Monokultur des Maises und pflanzten diesen zusammen mit Bohnen und häufig auch mit Kürbissen an. Leider beginnen angesichts des erhofften Booms bei Bio-Treibstoff nun auch die Herkunftsländer dieser Gewächse damit, den Anbau von Mais und Bohnen als Nahrungsmittel durch Monokulturen von Zuckerrohr und Soja als lukrative „erneuerbare Energie" - Ethanol - zu ersetzen.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Mythen, die sich um die Gewächse von Mais und Bohnen - und den Kürbis dazu, wie wir sogleich erfahren werden - gerankt haben, auf die traditionelle Praxis des amerikanischen Ackerbaus zurückgehen: „Es gibt verschiedene Irokesentraditionen, die sich mit den als drei Schwestern bezeichneten Nahrungsmitteln Mais, Bohnen und Kürbis beschäftigen. Die Seneca nennen sie „Unser Leben" oder „Unser Erhalter". Ähnliche Ursprungsmythen und Geschichten gibt es bei den Pueblo-Indianern des Südwestens. Vom Mais berichten alle Legenden, dass sein Ursprung eine fruchtbare Maismutter oder ein Maismädchen gewesen sei. Deshalb pflanzen und ernten die Frauen den Mais." (Tworuschka, Der Ursprung des Mais, (Irokesen, Nordamerika) S. 172)
Der Wechsel von Mais und Leguminosen - dabei handelte es sich vor allem um Bohnen und Kürbisse - ist uns von den landwirtschaftlichen Methoden der Mayas her gut bekannt. Die innige Symbiose dieser drei Gewächse sicherte die Fruchtbarkeit des Bodens. Noch heute findet bei den Bauern von Yucatán für die Ernte der ersten Feldfrüchte während des traditionellen Agrarzyklus eine Dankeszeremonie statt, z.B. bei der Ernte der ersten Wassermelone. Wie üblich, finden sich 12 Schalen mit dem Maisgetränk als Opfergaben für den Dreieinigen und seine Heiligen auf dem Feldaltar, dazu 2 weitere Schälchen auf dem Erdboden, für die „alux", die traditionellen Schutzgeister von Wald und Feld bestimmt, die allerdings zugleich auch Kobolde waren, die den gefürchteten „bösen Wind" hervorzurufen vermochten.
Die Legende weiß übrigens auch von einem jungen Indianerpaar - Chiffren für Mais und Bohnen - zu berichten, das sich in inniger Liebe zärtlich umschlang. „Seitdem ranken sich die schlanken Bohnen eng um den Mais. Er stützt sie und sie verehrt ihn. Selbst im Tod werden sie nicht getrennt. Denn Bohnen sind Teil des indianischen Maisbrots." (Tworuschek)
Über Walter Sass gelangte der in portugiesischer Sprache abgefaßte Text eines Gebets aus Amazonien über den Alantik - Oração do Milho von Cora Coralina - mit dem diese Betrachtung beschlossen werden soll:

Das Gebet der Maispflanze
Herr, ich habe keinen Wert
Ich bin ein bescheidenes Gewächs in kleinen Hausgärtchen und auf
armseligen Äckern,
Mein Samenkorn, das zufällig auf den Boden fiel, geht auf und wächst auf
unbestelltem Boden.
Ich bekomme Stängel und Blätter, und werde, wenn Du mir hilfst, Herr,
sogar eine richtige Pflanze.
Wie zufällig und ganz einsam, lasse ich Kolben sprießen und gebe mit vielen
Körnern das anfangs verlorene Samenkorn zurück und rette, wie durch ein
Wunder, was die Erde befruchtet hat.
Ich bin die beispielhafteste Pflanze der Felder.
Die traditionelle Hierarchie des Weizens ist nicht meine Sache;
was man aus mir bereitet, ist nicht das Brot, nach dem alle verlangen.
Der Gerechte hat mich nicht als das „Brot des Lebens" geadelt,
und an keinem einzigen Altar gibt es einen Platz für mich.
Ich bin lediglich die kräftige und gehaltvolle Nahrung derer,
die jenen Acker bestellen, auf dem der vornehme Weizen nicht gedeiht.
Ich bin von zweifelhafter Herkunft und von armseliger Abstammung,
bin nur die Speise der Landwirte und der Zugtiere.
Als die Götter noch durch die Wälder schweiften,
gekrönt von Rosen und Ähren,
als die Hebräer in langen Karawanen südwärts zogen,
um im Lande Ägypten das Korn Pharaos zu finden,
als Ruth auf den Feldern des Boas singend Ähren las
und Jesus die reifen Weizenfelder segnete,
war ich nichts als der Maisfladen in den Dörfern der Eingeborenen.
Ich war die Ursache der permanenten Erschöpfung des Sklaven auf der
Plantage.
Ich bin das preiswerte Mehl des Proletariers.
Ich bin die „Polenta" des Einwanderers und das Stückchen Brot dessen, der
in der Fremde ein neues Leben beginnt.
Schweinefutter und Fressen für den traurigen, Lasten schleppenden
Maulesel.
Wer mich pflanzt, wird kein gutesGeschäft machen und kein Geld verdienen.
Ich bin nur der generöse und sorgenfreie Überfluss in den Lagerhäusern.
Ich bin der gefüllte Futtertrog vor dem das Vieh wiederkäut.
Ich bin der Festgesang der Hähne im Morgenglanz des neuen Tages.
Ich bin das zufriedene Gackern der Leghühner, die zu ihrem Nest zurück
kehren.
Ich bin die pflanzliche Armut, Herr, und bin Dir dafür dankbar,
dass Du mich als etwas Notwendiges und Bescheidenes geschaffen hast.
Ich bin der Mais. Bel Taukana (Übersetzung Dressel)

Heinz F. Dressel