Donnerstag, 26. Februar 2009

Die Dämonen und der Paye


Der Indio lebte in ständiger Furcht vor bösen Geistern, Dämonen, Gespenstern, Kobolden, die in der Gestalt aller möglichen Geschöpfe der Natur - möge es sich um Bäume, Vögel, Schlangen oder Fische handeln - gegenwärtig sein konnten, namentlich der kaapora, der in den Wäldern lebte, dazu der ypora, dessen bevorzugtes Element das Wasser war, der yvypora, ein gefährliches Unwesen, das sich auf der Erde aufzuhalten pflegte, und andere gefährliche Dämonen.

Es handelte sich dabei um die am wenigsten materialisierten, jedoch am häufigsten und intensivsten wirksamen Geister, denn sie manifestierten sich in allerlei Geräuschen, im Licht und im Schattenspiel, durch Seufzen, Schluchzen, Gurren, Heulen, Jaulen etc. Der Eingeborene lebte in permanenter Angst vor diesen Geistern und versuchte ihr Wirken zu neutralisieren, indem er sich der Unterstützung durch den Schamanen versicherte; doch auch der payé konnte sich mit den Geistern gegen ihn verschwören und sich ihrer gegenüber den Menschen bedienen. Deshalb lebten die weit und breit als tapfere Krieger bekannten Guaranies - und guaraní bedeutet Krieger - immerzu in doppelter Angst, auf der einen Seite nämlich in der Furcht vor den bösen Geistern, auf der anderen Seite in der Angst vor dem payé.

Der Schamane oder payé war nicht etwa ein priesterliche Hirte, der seiner Gemeinde die Vorschriften der Religion nahe brachte, sondern ein aus der Masse des Volkes herausgehobener Mensch, der im Besitz von Kräften war, mit denen die Geister beherrscht werden konnten, mit einer Macht, die der payé oder pajé zugleich im Umgang mit den Angehörigen seines Stammes einsetzte und mit der er die Dinge der Natur und die Angelegenheiten des gemeinschaftlichen Lebens entsprechend zu beeinflussen vermochte. In aller Regel handelte es sich bei den payés um Alte, unter diesen jedoch äußerst selten um Frauen. Die pajes gebärdeten sich gegenüber ihren Stammesgenossen zumeist wie Tyrannen, und obwohl sie nicht über politische Macht verfügten, lebte man ständig in panischer Furcht vor ihnen.
Hier mag ein Vergleich mit den stammesverwandten Yanomami von Interesse sein, der das von Efraim Cardozo so sachkundig und einprägsam entworfene Bild des guaranitischen Schamanismus einerseits noch zu vertiefen, andererseits aber auch entsprechend zu variieren vermag. Dabei soll auf den ebenso prächtig wie eindrucksvollen Bildband Bezug genommen werden, den Heinz Kindlimann, ein intimer Kenner der Yanomami, vor kurzem vorgelegt hat: Geboren in der Steinzeit, gestorben in der Gegenwart, Reisen ins Land der Yanomami-Indianer, Zürich, 2006.

Kindlimann bestätigt, was man z.B. auch aus dem Munde moderner Kaziken der Kaingang in Rio Grande do Sul, Brasilien - im konkreten Fall handelt es sich um den cacique Camargo - hören kann: Die wichtigste traditionelle Funktion innerhalb eines Reservats ist sei des cacique, des Chefs eines Volkes, eines Stammes. Dieser repräsentiert die Tradition oder Geschichte ebenso wie die Kontinuität der Kultur des Stammes. Der cacique, der - in einer „basisdemokratischen" Gesellschaft, und um eine solche handelt es sich bei den índios, in welcher jedes Glied der Gemeinschaft Wort und Stimme besitzt - stets primus inter pares bleibt, muß eine ungemein starke Integrationskraft besitzen, mittels derer er seine Sippe zur Gefolgschaft zu mobilisieren vermag. Das Amt des cacique figuriert innerhalb der brasilianischen Verfassung nicht - es sei denn im „Indianerstatut", in dem der Präsident der Republik, der „große weiße Häuptling", durchaus eine Rolle spielt -, doch die Häuptlingsfunktion ist innerhalb des Volkes der Kaingáng und der anderen Stämme nach wie vor lebendig. Dies gilt übrigens ebenso für die indogenen Guarany-Volker in Paraguay. Die brasilianischen Behörden, deren autoritäres Gehabe eigentlich geradezu das Gegenteil der eingeborenen „Basisdemokratie" darstellt, respektieren die traditionelle Funktion des Kaziken: „Die Bräuche der eingeborenen Gemeinden, ihre Sitten und Traditionen, sowie deren Auswirkung auf die familiären Beziehungen, auf die Frage der Nachfolge von Häuptlingen, auf die Eigentumsfrage und auf das Wirtschaftsleben sollen beachtet werden, sofern es sich auf das Zusammenleben der Indios bezieht." (Gesetz Nr. 6.001, vom 19.12.1973, dem sog. Indianerstatut - Estatuto do Índio - art. 6°)

„Bei dem Amt des Kaziken handelt es sich um eine Funktion", erklärt Camargo, „zu der man durch eine Wahl durch das Volk gelangt, nicht durch familiäre, verwandtschaftliche oder andere Traditionen und Verbindungen, nicht durch die Geburt. Wenn der Vater Häuptling ist oder war, wird der Sohn nicht deswegen ebenfalls Häuptling werden, wie dies in anderen Kulturen vielleicht der Fall sein mag. Wir haben den cacique", fährt er fort, „danach kommt der capitão - Hauptmann -, dann gibt es die oficiais - „Offiziere" oder „Beamte" -, unter anderem für Fragen der Sicherheit. Es gibt im Reservat eine Art von Autonomie. Außerdem haben wir das Amt des conselheiros - Berater - und natürlich stets die direkte Beteiligung des Volkes, nicht nur der Bevölkerung eines bestimmten Ortes, sondern der Angehörigen unserer Ethnie in ganz Brasilien."

Der cacique der Reserva Indígena Inhacora, Rio Grande do Sul, Camargo, wurde 1989 gewählt und übte sein Amt bis zum Jahre 1993 aus. Der conselho, der Stammesrat des Reservats, macht einen Vorschlag, das Volk versammelt sich und wählt. 1997 wurde der frühere cacique erneut gewählt. Die Gemeinde bat ihn, er möge das Amt wieder übernehmen. Da er gute Arbeit geleistet habe, wollte man ihn wieder haben. So begann Camargo 1997 ein neues Mandat durch Abstimmung, ein Mandat für unbestimmte Zeit, nicht a priori determiniert.

Was vom Häuptling gilt, trifft cum grano salis auch auf den Schamanen zu. „Weder das Amt des Schamanen noch die Häuptlingswürde waren in Wawanaueteri erblich. Das Leben in der Maloca do Mayá war generell von Egalität geprägt ... Regeln zur Besetzung der Häuptlingsfunktion fehlten. Es waren ganz einfach die erfolgreichsten Krieger und fähigsten Jäger, die diese Rolle übernahmen, wobei sie oft gleichzeitig Schamanen waren. Die tuschauas blieben jedoch nie unbestritten." (Kindlimann, pg. 191)

In diesem Zusammenhang ist außerordentlich bemerkenswert, was Kindlimann eher beiläufig erwähnt, nämlich: „Die Shamatari kannten keinen Ahnenkult," Diese Tatsache, das Fehlen der im Animismus weit verbreiteten Ahnenverehrung, hängt zweifellos unmittelbar und ursächlich mit dem bei diesem Volk üblichen „Endokannibalismus" zusammen: Starb ein Glied der Familie, pflegten die trauernden Angehörigen einen Topf mit Bananenbrei vorzubereiten. Der Mingau, eine dicke Suppe, wurde über dem Feuer so lange gekocht, bis er eine grünliche Färbung angenommen hatte. Dann verrührte man die Asche des verstorbenen Familienangehörigen in dem Bananenragout und verspeiste das Gebräu unter viel Geschrei und Wehklagen der Frauen kollektiv. (pg. 198 f.) Der Verstorbene war mittels dieser rituellen Handlung in die Gemeinschaft eingegangen. Es gab keine Grabstätte, keine Gedenkstätte. Er oder sie lebte in ihnen und in ihrer Sippe fort.

Kehren wir noch einmal zurück zur Rolle des Häuptlings bei den Yanomami: Es gehöre zur Grundhaltung der Yanomami, konstatiert Kindlimann, dass sie jede Autorität anzweifelten. „Aggressionen bis hin zur Herausforderung machtbewußter Häuptlinge haben in ihren Gemeinschaften Tradition, wobei diese Auseinandersetzungen oft blutig enden." Jaques Lizot, ein Kenner dieser Leute, „ist der Meinung, dass mit dem Töten mächtiger Häuptlinge permanent verhindert wird, im Yanomami-Land Institutionen entstehen zu lassen, die von Machtlust und totaler Beherrschung anderer Menschen geprägt sind."

„Häuptlinge, Schamanen und starke Krieger erkannte man auch an der erhöhten Arbeitsleistung, die sie erbrachten. Um ihre Vorrangstellungen zu halten, mussten sie auf der Jagd erfolgreicher sein, ausgedehntere Pflanzungen anlegen, sich vermehrt mit den Geistern in Verbindung setzen und verbale Überlegenheit demonstrieren. Am deutlichsten unterschieden sich diese „Gleicheren unter Gleichen" in der Anzahl der Frauen, die sie besassen. Über mehrere Gattinnen zu verfügen hat den Vorteil, zusätzliche Gerätschaften für den Tauschhandel zur Verfügung zu haben und dank einer zahlreicheren Nachkommenschaft Zusatzbündnisse schließen zu können. Mehr Schwiegersöhne und Schwiegertöchter zu besitzen, hieß auch, die allgemeinen Arbeiten auf weitere Achseln verteilen zu können." Zudem stärkte es die eigene Fraktion bei Auseinandersetzungen, (Heinz Kindlimann, Geboren in der Steinzeit, gestorben in der Gegenwart, Reisen ins Land der Yanomami-Indianer, Zürich, 2006, pg. 191)

Macht über die Geister


Wenden wir uns nach diesem Exkurs nun wieder den spezifischen Merkmalen der guaranitischen Kultur, und nunmehr speziell der Stellung der Schamanen innerhalb der indigenen Gemeinschaft, zu, wie der paraguayische Ethnologe Efraim Cardozo sie einfühlsam beschreibt:

Man konsultierte die Schamanen bei jeder Gelegenheit, z.B. ehe man sich auf den Kriegspfad begab, was sehr häufig geschah, und man bat um ihr Eingreifen, wenn es zu besonderen Schwierigkeiten oder gar zu Katastrophen gekommen war. Sie kurierten die Krankheiten und wehrten bösen Zauber ab; sie neutralisierten Flüche und sagten die Zukunft voraus. Einige payés behaupteten von sich, sie seien allmächtig wie die Götter, die einst Himmel und Erde erschufen, und besässen, wie jene, auch Macht über die Phänomene der Natur, mit welcher sie nicht nur zu bewirken vermochten, dass kräftige Regengüsse aus den Wolken fielen, sondern mit der sie auch verheerende Trockenheit über die Erde kommen zu lassen vermochten. Sie versicherten, die Macht über Elemente der Natur sei in ihre Hände gelegt, so dass es ihnen sogar möglich sei, die Erde zu zerstören und neu zu erschaffen, wie es der von Montoya zitierte Guyrá - Verá del Guayrá - einmal von sich gesagt hatte. Man glaubte, dass die payés aufgrund ihrer mythischen Kräfte des weiteren auch Krankheiten oder sogar den Tod über die Menschen bringen konnten, oder dass sie Nahrung zu schaffen und sogar Tote wieder zum Leben zu erwecken vermochten.

Die payes erhielten ihre Macht aufgrund ihres Umgangs mit den Geistern. Ihr Zaubergerät was die maraca, eine bemalte Kalabasse, die mit einem Pfeil und mit Federn geschmückt war. In der Kalabasse befanden sich ygá genannte Samenkörner, deren durch Schütteln erzeugtes Geräusch als die Stimme der Geister verstanden wurde, die jedoch allein der payé zu interpretieren wusste. Die payés verrichteten ihre Aufgaben im Zustand der Trance. Um in Trance zu gelangen, zogen sie sich für etliche Tage, ständig Zigarren rauchend, in eine runde Hütte zurück, bis die Geister zu sprechen begannen.

Neben dem Tabak spielen häufig auch bestimmte Drogen, eine Rolle. Sie werden „aus dem getrockneten Saft einer Baumrinde und kleinblättrigen Pflanzen hergestellt." Otto Zerries (Die Erben des Inka-Reiches und die Indianer der Wälder, 1974) erläuterte, wie Kindlimann berichtet, das spirituelle Denken der Yanomami: „... im Himmel oder im Zwischenreich zwischen Himmel und Erde sind die wichtigsten spirituellen Wesen, welche die Yanomami kennen, die hekura beheimatet. Die meisten von ihnen stehen in tierischer, selten in menschlicher Gestalt den Tier- und Pflanzenarten auf der Erde vor. Sie kommen beim hekulamo, der Anrufung durch die Schamanen, von oben von den Bergen herab oder gehen am Himmel entlang. Sie reisen im Winde, der deshalb entsprechend dem als freundlich oder als feindlich empfundenen Charakter des jeweiligen hekura entweder freudig begrüßt oder ängstlich abgewehrt wird. Die hekura dringen in winziger Gestalt in die Brust des Schamanen ein, der durch bestimmte an sie gerichtete Gesänge ... über eine Anzahl von ihnen Macht gewonnen hat ... Die jeweiligen hekura, über die der Schamane gebietet, sind seine Hilfsgeister, sowohl bei der Krankenheilung und anderen Verrichtungen der „Weißen Magie" als auch bei der Ausübung der „Schwarzen Magie" gegen Feinde. Abgesehen von Anrufungen im Rahmen von Krankenheilungen ist die Mehrzahl der im Dorf am Nachmittag angestimmten Gesänge der Schamanen darauf angelegt, den Feinden Schaden zu senden." (Auch am Vorabend eines geplanten Jagdzuges werden die Geister angerufen, um eine reichliche Jagdbeute zu erbitten.)

„Die Sanemà behaupten von den hekura der Tiere und Pflanzen: „Sie waren in der Urzeit Menschen und sprachen wie wir." Eine ähnliche Auffassung haben auch die Zentralen Yanoama; danach entstanden diese Speziesgeister durch den Tod oder Verwandlung der Urzeitmenschen no pata be oder Wesen der Urzeit, die noch Mensch und Tier zugleich waren, Damals war, so formuliert es ein Forscher der Sanemà, noch alles im Fluss und vielgestaltig; die heutigen hekura sind keine konkreten Verkörperungen, sondern ewige, unsterbliche, spirituelle, aber aktive Wesenheiten der einzelnen Tier- und Pflanzenarten." (Kindlimann, pg. 179 ff.)

Bei den Guaranies wurden die Kranken mittels starken Rauches - petyn - den die payés aus langen Rohren in die Luft bliesen, durch magische Kraft imprägniert. Mittels dieser Prozedur übertrugen sie ihre magischen Kräfte auch auf ihre Schüler. Die Schamanen nahmen auch die in aller Öffentlichkeit abgelegte Beichte der Frauen ab und führten kollektive Reinigungsriten mittels Besprengung (aspersio) oder Waschung aus.

Berühmte payés der Mbyá-Guaranies wurden auch nach ihrem Tode noch mit religiöser Inbrunst verehrt. Wenn sie verstarben, wurden ihre Gebeine in besonderen Grabstätten aufbewahrt, die sich an abgelegenen Orten befanden, an denen reichlich Früchte gediehen. Dort suchten Pilger gegen Geschenke - und das waren in der Regel Früchte, die in der Umgebung des Grabes gediehenen, und die dann zu Ehren des verehrten payés ehrfürchtig niedergelegt wurden - Rat und Hilfe. Der eingeborene Priester war payé, wurde jedoch auch Avare genannt, was bedeutet: „der Mensch gewesen ist". Eloy Fariña Núñez sagte einmal, dass Paje alles bedeutet und in sich schließt, was mit Magie, Zauberei und Hexerei zu tun hat.

Die „Teocosmologia Guarani"


„Im Mythos des Mbyá „erschuf Unser Vater das Fundament der menschlichen Sprache und ließ sie an seiner eigenen Göttlichkeit teilhaben, lange bevor die Erde existierte (...) als er in aller Gründlichkeit über die in seiner eigenen Göttlichkeit begründete Weisheit reflektierte, um daraufhin, entsprechend seiner schöpferischen Weisheit, diejenigen zu erschaffen, die in der Folge Gesellen und Gesellinnen seiner Divinität sein würden." (Cadogan, 1959, p 19, 21) Infolgedessen wurde die Menschheit, welche die erste Erde bewohnte, durch das Wort und in dem Wort geschaffen, durch die göttliche Substanz und in dieser göttlichen Substanz. (Chamorro, Graciela, A Espiritualidade Guarani: uma Teologia Amerindia da Palavra, São Leopoldo, 1998, S. 95ff.)

Die Mbiá wie auch ihre Verwandten, die Kaiová, sprechen von einem Schöpfergott namens Jusu Papa, „Nosso Avô", oder „Unser Urahne", und benutzen damit eine maskuline Form der Rede. Es scheint jedoch, wie Graciela Chamorro bemerkt, dass diese Form eine feminine Vorform gehabt habe, nämlich Jasuka. Dieser Name bezieht sich auf die schöpferische und erhaltende Substanz der Gottheiten, die aller Dinge Quelle und Ursprung ist. Aus ihr wurde auch Jusu Papa geboren und erblickte das Licht der Welt, Jusu Papa, der an Jasukas Brust gestillt worden war. Im Kaiova-Gurarani-Verbum für unseren Begriff „auf die Welt kommen" bzw. „geboren werden" (nascer) kling die Bedeutung von „entfesselt oder entwickelt werden" mit, d.h., dass stets bereits etwas vorhanden gewesen ist, ehe Neues geschaffen wurde. Graciela Chamorro weist darauf hin, wie fremd dem Denken der Guaranies die abend-ländische Vorstellung einer creatio ex nihilo sein muß! Das Verbum „erschaffen" beinhaltet in der Sprache der paraguayischen Eingeborenen so viel wie das Hervortreten von etwas latent bereits Vorhandenem, so viel wie die Umwandlung der Potenz in die Aktion. Nach Cadogan bedeutet „erschaffen" so viel wie „bewirken, dass sich etwas entwickle, sich öffne, dass es geschehe". Demzufolge wäre Jasuka nach Cadogan „aller Dinge Anfang, sogar der Anfang der Götter" selbst. Jasuka „erfüllt und umfängt das gesamte Universum mit allem und mit allen." In den Augen Cardogans ist Jasuka weder Person noch Gott, sondern ein Prinzip der Emanation, das mütterliche Prinzip der guaranitischen Teocosmologia, wie Graciela Chamorro die Weltanschauung der Guaranies bezeichnet. (A Espiritualidade Guarani, S. 95/96)

Jasuka ist übrigens auch die religiöse Bezeichnung für den Korb. Im Bild des Korbes vereinen sich die wesentlichen Rollen oder Funktionen der Frau in der indigenen Gemeinschaft.

Die Verbindung von Weiblichkeit als dem heiligen „Erstgeborenen Prinzip" und der seit prähistorischer Zeit gültigen Verehrung der Frau als Lebensspenderin, als welche sie die tägliche Erfahrung in der Gemeinschaft der Eingeborenen auswies, ist in der guaranitischen Kultur ebenso fest verankert wie die Bedeutung der Frau auch als Beschafferin der lebenswichtigen Nahrung und als Herstellerin fast aller zum Überleben erforderlichen Gerätschaften, bemerkt Marta Vanaya, Mitos y leyendas guaraníes, Madrid 1986, S. 12)

Der Ursprung der Religion: Animismus und Ahnenkult


Unter Animismus, unter dessen Dach sowohl der Fetischismus als auch der Schamanismus gedeiht, versteht man den Geisterkult, der auf dem Glauben an höhere Mächte beruht, die in der Natur wirken und Einfluß auf das Geschehen insgesamt, aber in besonderer Weise auch auf das Schicksal des einzelnen Menschen, seiner Familie und seines Stammes oder Volkes nehmen. In der Regel haben diese allgegenwärtigen Geister die Tendenz, dem Menschen zu schaden, es sei denn, man schaffte es, sie durch besondere Aufmerksamkeit, durch Opfergaben, die man ihnen darbringt, vor allem jedoch durch Magie und wirksamen Zauber zu besänftigen und umzustimmen. Dem widerspricht nicht die Beobachtung, dass es in animistisch geprägten Gesellschaften, die dem Geisterglauben huldigen, auch den Glauben an einen höchsten Gott, vor allem an einen Schöpfergott und sogar die Verehrung mehrerer Götter geben könne. In der klassischen Religionswissenschaft geht man davon aus, dass Afrika sozusagen das „Stammland" des Animismus in seinen beiden Ausprägungen, der des Fetischismus und der des Schamanismus, sei. Dort fand seit dem „Zeitalter der Entdeckungen" auch die intensivste Begegnung der Europäer mit den Phänomenen der „Naturvölker" (oder gar der „kulturlosen" Völker, wie man weithin auch zu sagen pflegte), statt.

Generell läßt sich sagen, dass die Bewohner Afrikas im 16. und 17. Jh. an Mächte glaubten, die aus einer anderen, unsichtbaren Welt kamen, um im Diesseits Gutes oder Böses zu bewirken, und dass darüber hinaus alle von Menschen auf Erden ausgeübte Macht ihre Autorität von jener anderen Welt erhielt. Dieser Gesichtspunkt hatte längst auch Eingang in die Bibel gefunden, wie auch in die Philosophie des Römischen Reiches und schlug sich am Ende im Glauben an den göttlichen Ursprung der Monarchie nieder. Dies bedeutet letztlich, dass wir im Animismus, flankiert vom Kult der Ahnen, wie er uns in jener Mischung griechisch-orientalischer Mythologie begegnet, auch die Wurzeln unserer eigenen europäischen, christlichen, westlichen Kultur finden.

Zur religiösen Ausstattung der Menschen in Afrika gehörte, wie bereits Alvise de Mosto um 1450 in seinem Bericht über Senegâmbia bemerkte, die Vorstellung von einem einzigartigen und allmächtigen Gott, der über einer Reihe rangniedrigerer Gottheiten unterschiedlicher Bedeutung thronte. Frei Boa Ventura gab in einem seiner Bücher einen ausführlichen Artikel des Missionspriesters José Martins Vaz wieder, der lange Zeit in Angola tätig war: "Es gab in Afrika kein atheistisches Volk. Im allgemeinen glaubt das schwarze Volk an die Existenz eines einzigen Gottes, der Anfang und Ursache alles dessen ist, was existiert. Dieser Gott ist wie der Wind, allmächtig, wie die Sonne, der Elefant, der Löwe, gütig wie die Süßkartoffel. Dieser Gott ist gut und bestraft die Menschen, deshalb ist es notwendig, dass man sich ihm sehr viel widmet." Später hat David Livingstone in seinen Reiseberichten bestätigt, dass die Bantuvölker an den allerhöchsten Schöpfergott glaubten, und zwar auch dort, wo bis dahin kein Fuß eines weißen Mannes getreten war. Bei den Zulus, deren Religion und Mythen er aus seiner Zeit am Kap und in Betschuanaland kannte, war der Schöpfer mit Unkulukulu, dem grossen Urvater, der im Ahnenkult verehrt wurde, identisch. In solchem Urmonotheismus mögen die Wurzeln der im südlichen Afrika, bis hinauf nach Zentralafrika, weit verbreiteten Verehrung des einen Gottes zu finden sein. Besonders die Vertreter des Umbanda-Kultes in Brasilien legen großen Wert darauf zu bekunden, dass die Religion ihrer afrikanischen Urahnen monotheistisch gewesen sei, im Gegensatz zur Religion der Europäer, die - siehe den griechischen Götterolymp! - polytheistischen Charakters gewesen sei.

Die orixás

Während Olorum (Olorun) faktisch im Hintergrund blieb, hatten es die Menschen ohne Unterlass mit rangmäßig niedrigeren Gottheiten und Naturgeistern, einschließlich der Geistwesen, die vor Urzeiten als besonders herausragende und verehrungswürdige Persönlichkeiten verstorben waren und von ihren Stammesgenossen - und dies gilt nicht nur für Afrika, sondern ebenso für Asien, für die Pazifikinseln und für ganz Amerika - seitdem als mythische Helden verehrt wurden. Bei den Fon in Dahomey war die Inkarnation der Geister in „besessene" Männer und Frauen, die den Medizinmännern bei ihrem Geschäft zur Hand gingen, üblich. (Dias,1992:176) "Das wichtigste Element, welches die Bantus von den Sudanesen unterscheidet, ist der besondere Kult der Ahnen. Die Sudanesen fallen in Trance und verkörpern orixás." Mittels des Trance-Zustands - beim Maskentanz - oder der Ekstase, die ja gerade auch im Islam, unter dessen Einfluss sich die „Sudanesen" befanden, eine bedeutende Rolle spielt, vermag der Mensch temporär sein Wesen zu verlassen und ein Wesen des „Draußen" zu werden. Für die außergeschichtlichen Völker hingegen, wie Carl Heinz Ratschow die schriftlosen Gesellschaften ohne historische Erinnerung zu nennen pflegte, für die von magischen Vorstellungen geprägten Bantus war das „mythische Dunkel des Ahnenkomplexes" charakteristisch. (Ratschow, 1947) Heidi Koch hat sehr anschaulich beschrieben, welch außerordentlich wichtige Rolle der Familienzusammenhang über Generationen hinweg bei den Völkern in Tansania spielt. Als ein eindrückliches Beispiel dafür nannte sie die Lebens- oder Familienbäume bzw. Ujamaa-Schnitzereien. „Bei der geschlossenen Schnitzerei stehen die Figuren aufeinander um einen Stamm gruppiert. Dabei handelt es sich um eine symbolische Darstellung der Familiengemeinschaft; Ahnen, Lebende und künftige Generationen." (Koch Zeit für Mission, Magazin Mission, Neuendettelsau 1/2002)

Die „Väter" oder „Patriarchen" - fast möchte man sagen: die „Gründerväter" - spielten beim nation-building der Völker, um es einmal so zu sagen, überall eine große Rolle, gerade auch in der Geschichte Israels: Abraham, Isaak und Jakob. Der vielberufene „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" ist ein Familiengott, der höchste Gott einer Stammesreligion. Stammväter, Helden, Könige, Häuptlinge wurden in den unterschiedlichsten Kulturen von ihren Familien, Sippen, Stämmen, Stammesverbänden und Völkern zu allen Zeiten allüberall auf der Welt in besonderer Weise geehrt, und dies weit über den Tod hinaus. Aus der Veneration wurde schrittweise die Divinisierung. Im Candomblé-Kult Brasiliens nehmen noch heute Namen wie Pai Joaquim, Pai Guiné, Pai Velho - die sigenannten pretos velhos, afrikanische Vorfahren , die sich noch in ihrer Heimat einen Namen gemacht hatten - einen hervorragenden Platz ein.

Die Bantu-Stämme pflegen das Andenken der Ahnen auf eine ganz besonderer Art. Die Gestalt des Häuptlings, der oft über mehr als tausend Untertanen geherrscht hatte, war zu seinen Lebzeiten über alle anderen Angehörigen des Stammes herausgehoben gewesen und hatte besonderen Respekt und eine oft fast religiöse Verehrung erfahren; allüberall im ländlichen Afrika ist diese Wirklichkeit bis heute anzutreffen. Man war sich dessen gewiss, dass der verehrte „chief" auch über den Tod hinaus seine besondere Mächtigkeit beibehalten werde. So wurde sein Andenken durch die Nachkommen in religiöser Weise bewahrt und gepflegt. Besonders ausgeprägt ist der Ahnenkult auch bei den Bataks in Nordsumatra, wo man den Verstorbenen noch vor wenigen Jahrzehnten nicht selten wahre Totentempel errichtete.

Ein interessantes Beispiel für die selbstverständliche Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten eines westafrikanischen Clans findet sich bei Edward Ball: „In Westafrika glauben die meisten Menschen, dass die Toten über die Lebenden wachen und sie zum Guten oder Schlechten beeinflussen können. Eine weitverbreitete Zeremonie ermöglicht es den Lebenden, mit ihren Ahnen zu sprechen und um ihren Segen oder ihre Vergebung zu bitten. Die Feier beginnt damit, dass ein Trankopfer auf den Boden geschüttet wird, gewöhnlich Rum, worauf Gebete und laute Gespräche mit den Toten folgen. Danach wird eine etwa eine große Kolanuss entzweigebrochen, und die beiden Hälften über den Boden gerollt. Wie die Stücke fallen, verrät etwas darüber, ob eine Bitte erhört wurde. Wenn beide Hälften mit dem Nussfleisch nach oben landen, so wurde das Gebet gnädig aufgenommen. Muslime haben dieses antike Ritual, das dem Islam lange vorausging, adaptiert und benutzen es, um mit dem Allmächtigen in Verbindung zu treten." (Ball, 2001: 495)

Ratschow sprach in treffender Weise vom „mythischen Dunkel des AhnenKomplexes", in welches alles Fragen und Forschen nach dem Ursprung der Religion und alles Nachdenken über die Entstehung der Gottesvorstellung letztlich zurück führt. Er resümiert, dass die Welt des vor- und außergeschichtlichen Menschen erfüllt sei von gottheitlichen Wesen, um dann souverän fortzufahren: „Als erste und allgemeinste Art dieser Gottheiten nenne ich die Toten. Es sind zumal die Toten, die im Kreise des wahren Lebens eine besondere Stellung innehatten, die man verehrt. Der Häuptling hat auch über den Tod hinaus seine besondere Mächtigkeit. Die Bantu-Stämme wie andere pflegen ihr Andenken ..." (Ratschow 1947:69)

Hier sei daran erinnert, dass es heißt, die von den Bantus abstammenden Sklaven seien von bestimmten Familiengeistern „besessen" gewesen, die Namen wie Pai Joaquim, Pai Guiné, Pai Velho (die sogenannten prêtos velhos - alte Schwarze) angenommen hatten. Arthur Ramos berichtet, dass die Bantuneger in der Tat einem authentischen Ahnen- und Geisterkult huldigten. Sie glaubten fest an die Seelenwanderung und an die Verwandlung der Seele sogar in Tiere; daher rührten auch die unter der Bevölkerung so verbreiteten Begräbnisriten und Totenfeiern. Religionsgeschichtlich betrachtet, dürften die Toten die erste und allgemeine Art von Gottheiten der „außergeschichtlichen Kulturen", gewesen sein.
Die Toten der Sippe

Die Archäologin Gabriela Martin von der UFPE in Recife schreibt in ihrem Beitrag „A Morte - O RITO E A VIDA ESPIRITUAL" (Der Tod - Der Ritus und das spirituelle Leben) zum Katalog des Centro Cultural Banco do Brasil São Paulo „ANTES, Histórias da Pré-História": „Zahlreiche in Felsengelassen der serras do Brasil aufgefundene Grabstätten bergen die Überreste von vermutlich langen und komplexen Bestattungszeremonien. Was übrig blieb, waren häufig nur die materiellen Indizien eines uns letztlich verschlossenen Depositums magischer Rituale und religiöser Überzeugungen die vor Jahrtausenden Bestandteil der spirituellen Welt des prä-historischen Menschen gewesen sind. Es vergingen Tausender von Jahren, ehe diese Menschen in der Lage gewesen wären, Pfeil und Bogen zu erfinden, doch seit dem Morgengrauen der prä-historischen Menschheit oder vielleicht zur Zeit der Mitternacht brachte die Furcht vor dem Unbekannten und die Hoffnung auf bessere Tagen die Höhlenmenschen oder auch die Bewohner der Campagne entlang der Ufer eines Flusses dazu, den Schutz ihrer Vorfahren zu erbitten und den Zorn unbekannter, störender und bedrohlicher Geister zu besänftigen. Die primitiven Religionen sind aufs engste mit den Mächten der Natur verbunden, denn das Überleben den Jäger und Sammlern wie auch derer, die das Land bearbeiteten, hing letzten Endes von den Zyklen der Natur ab." (179) „Der mündlichen Überlieferung gemäß wurden einige Felsenhöhlen und Gelasse, die den prä-historischen Menschen als Begräbnisstätten dienten, über Tausende von Jahren gepflegt und immer wieder benutzt. Kaum eines der Gräber war von Gruppen anderer Stämme oder von primitiven Menschen anderer Epochen geplündert oder geschändet worden. Der Respekt vor den Toten, aber sicherlich auch die Angst vor ihnen bewirkten, dass ihre Ruhestätten über Jahrtausende unberührt geblieben waren, selbst vonseiten anderer ethnischer Gruppen oder sogar vonseiten irgendwelcher Feinde - eine Demonstration des Respekts vor den Geistern der Ahnen. Parallel zur Bekundung des Respekts und der Demonstration des Willens, die Toten der Familie zu schützen, stoßen wir auch auf die Furcht vor der Rückkehr der Geister dieser Toten, die nur schreckliche Unruhe in die Welt der Lebenden bringen würde. Tiefe Gräber und mächtige schwere Steinblöcke über den Körpern der Verstorbenen sollten deren Rückkehr in die Welt der Lebenden verhindern. Periodisch zelebrierte, von Gesang und Speiseopfern begleitete Totenrituale unterstreichen ebenfalls den Wunsch der Hinterbliebenen, die Verstorbenen möchten in Ruhe und Frieden in ihren Grabstätten verbleiben." (184)

Eine ursprüngliche Weise des Animismus ist, wie Afrikareisende immer wieder bestätigen, auch in der Gegenwart, und vor allem im Umkreis des zentralafrikanischen Kongobeckens, anzutreffen. So bemerkt Peter Scholl-Latour, ein afrikanischer Lehrer habe ihm gesagt: „Am Kongo sind die Toten mächtiger als die Lebenden. Hier gibt es keine natürlichen Todesursachen, es sei denn bei hochbetagten Greisen. Jeder andere Tod wird auf bösartige Einflüsse, auf Behexung, Verwünschung, Zauberei und Gift zurückgeführt. In jedem Dorf, in jedem Stadtviertel sucht der ‚féticheur‘, der ‘Nganga‘, pausenlos nach einem Schuldigen, nach den unheimlichen Tätern. Die Bevölkerung lebt in Verehrung und Angst vor den Toten. Die Furcht geht um, sie könnten zurückkommen, ihre Verwandten heimsuchen, Spuk und Unheil stiften. Deshalb werden ihnen so viele Abschiedsgeschenke auf das Grab gelegt, vor allem die Schuhe, damit die nicht in die alte Hütte kommen, um sie für ihre Wanderung im düsteren Land der Toten zurückzuholen." „Jeder Tod", so Scholl-Latour, „so bestätigen die Völkerkundler, weitet sich für den Afrikaner zum Psychodrama aus." (Scholl-Latour, 2001: 31) Mein Lehrer Dr. Christian Keyßer, der lange Jahre unter den Papuas von Neu Guinea gearbeitet hatte, ehe er als Missionsinspektor in Neuendettelsau tätig war, berichtete uns Ähnliches von den Eingeborenen im Hubeland. Ehe die Missionare kamen, starb dort niemand eines natürlichen Todes. Stets war es der gefürchtete Todeszauber, der unweigerlich dazu führte, dass jemand starb. Nicht allein die Krankheiten waren Folgen von Zauberei, sondern ebenso die Unglücksfälle. Niemand fiel von einem Baum und starb an den Folgen des Sturzes, weil unter seiner Last unglücklicherweise ein Ast abgebrochen war; vielmehr steckte ein böser Zauber hinter dem Vorfall. Umso wichtiger war es, sich mit einem kräftigen Gegenzauber, z.B. mit einem wirksamen Fetisch, zu schützen.
Die Archäologin Gabriela Martin von der UFPE in Recife schreibt in ihrem Beitrag „A Morte - O RITO E A VIDA ESPIRITUAL" (Der Tod - Der Ritus und das spirituelle Leben) zum Katalog des Centro Cultural Banco do Brasil São Paulo „ANTES, Histórias da Pré-História": „Zahlreiche in Felsengelassen der serras do Brasil aufgefundene Grabstätten bergen die Überreste von vermutlich langen und komplexen Bestattungszeremonien. Was übrig blieb, waren häufig nur die materiellen Indizien eines uns letztlich verschlossenen Depositums magischer Rituale und religiöser Überzeugungen die vor Jahrtausenden Bestandteil der spirituellen Welt des prä-historischen Menschen gewesen sind. Es vergingen Tausender von Jahren, ehe diese Menschen in der Lage gewesen wären, Pfeil und Bogen zu erfinden, doch seit dem Morgengrauen der prä-historischen Menschheit oder vielleicht zur Zeit der Mitternacht brachte die Furcht vor dem Unbekannten und die Hoffnung auf bessere Tagen die Höhlenmenschen oder auch die Bewohner der Campagne entlang der Ufer eines Flusses dazu, den Schutz ihrer Vorfahren zu erbitten und den Zorn unbekannter, störender und bedrohlicher Geister zu besänftigen. Die primitiven Religionen sind aufs engste mit den Mächten der Natur verbunden, denn das Überleben den Jäger und Sammlern wie auch derer, die das Land bearbeiteten, hing letzten Endes von den Zyklen der Natur ab." (179) „Der mündlichen Überlieferung gemäß wurden einige Felsenhöhlen und Gelasse, die den prä-historischen Menschen als Begräbnisstätten dienten, über Tausende von Jahren gepflegt und immer wieder benutzt. Kaum eines der Gräber war von Gruppen anderer Stämme oder von primitiven Menschen anderer Epochen geplündert oder geschändet worden. Der Respekt vor den Toten, aber sicherlich auch die Angst vor ihnen bewirkten, dass ihre Ruhestätten über Jahrtausende unberührt geblieben waren, selbst vonseiten anderer ethnischer Gruppen oder sogar vonseiten irgendwelcher Feinde - eine Demonstration des Respekts vor den Geistern der Ahnen. Parallel zur Bekundung des Respekts und der Demonstration des Willens, die Toten der Familie zu schützen, stoßen wir auch auf die Furcht vor der Rückkehr der Geister dieser Toten, die nur schreckliche Unruhe in die Welt der Lebenden bringen würde. Tiefe Gräber und mächtige schwere Steinblöcke über den Körpern der Verstorbenen sollten deren Rückkehr in die Welt der Lebenden verhindern. Periodisch zelebrierte, von Gesang und Speiseopfern begleitete Totenrituale unterstreichen ebenfalls den Wunsch der Hinterbliebenen, die Verstorbenen möchten in Ruhe und Frieden in ihren Grabstätten verbleiben." (184)

Eine ursprüngliche Weise des Animismus ist, wie Afrikareisende immer wieder bestätigen, auch in der Gegenwart, und vor allem im Umkreis des zentralafrikanischen Kongobeckens, anzutreffen. So bemerkt Peter Scholl-Latour, ein afrikanischer Lehrer habe ihm gesagt: „Am Kongo sind die Toten mächtiger als die Lebenden. Hier gibt es keine natürlichen Todesursachen, es sei denn bei hochbetagten Greisen. Jeder andere Tod wird auf bösartige Einflüsse, auf Behexung, Verwünschung, Zauberei und Gift zurückgeführt. In jedem Dorf, in jedem Stadtviertel sucht der ‚féticheur‘, der ‘Nganga‘, pausenlos nach einem Schuldigen, nach den unheimlichen Tätern. Die Bevölkerung lebt in Verehrung und Angst vor den Toten. Die Furcht geht um, sie könnten zurückkommen, ihre Verwandten heimsuchen, Spuk und Unheil stiften. Deshalb werden ihnen so viele Abschiedsgeschenke auf das Grab gelegt, vor allem die Schuhe, damit die nicht in die alte Hütte kommen, um sie für ihre Wanderung im düsteren Land der Toten zurückzuholen." „Jeder Tod", so Scholl-Latour, „so bestätigen die Völkerkundler, weitet sich für den Afrikaner zum Psychodrama aus." (Scholl-Latour, 2001: 31) Mein Lehrer Dr. Christian Keyßer, der lange Jahre unter den Papuas von Neu Guinea gearbeitet hatte, ehe er als Missionsinspektor in Neuendettelsau tätig war, berichtete uns Ähnliches von den Eingeborenen im Hubeland. Ehe die Missionare kamen, starb dort niemand eines natürlichen Todes. Stets war es der gefürchtete Todeszauber, der unweigerlich dazu führte, dass jemand starb. Nicht allein die Krankheiten waren Folgen von Zauberei, sondern ebenso die Unglücksfälle. Niemand fiel von einem Baum und starb an den Folgen des Sturzes, weil unter seiner Last unglücklicherweise ein Ast abgebrochen war; vielmehr steckte ein böser Zauber hinter dem Vorfall. Umso wichtiger war es, sich mit einem kräftigen Gegenzauber, z.B. mit einem wirksamen Fetisch, zu schützen.

Die Geister


Für die Mehrheit der Bantus sind die Geister einfach die Seelen der Verstorbenen. Es gibt jedoch auch solche, die an „Dämonen", wie wir vielleicht sagen würden, glauben, die an bestimmten Orten hausen, an Naturgeister, die dem Menschen Gutes oder Böses zuzufügen vermögen, wie z. B.: die Sterne, bestimmte Gewässer, Quellen, Höhlen, Felsen, Berge, Tiere, Pflanzen sowie gefährliche und flatterhafte Wesen, denen man nicht missfallen darf, wenn sie einem nicht das Leben verbittern sollen. Derartige „Dämonen" oder Naturgeister stehen im direkten Gegensatz zu den Toten, es sei denn, es handle sich um ruhe- und rastlos umher irrende verlorene Seelen, die keinen Zugang zum Totenreich finden, weil sie sich zu Lebzeiten nicht an die Gesetze des Stammes, die Vorschriften der Alten, die Regeln der „Adat", wie die Bataks in Nordsumatra sagen würden, gehalten haben. In Bezug auf ihre Transzendenz sind beide gleich, wogegen ihr Wesen gegensätzlich bestimmt ist. Roger Bastide hatte zwischen „Erscheinungen" (in Bezug auf eguns) und „Manifestationen" (in Bezug auf die orixás) unterschieden; die Grenzen zwischen „Gespenstern" und „Geistern" scheinen mir jedoch fließend zu sein.

Mit dem bis hierher Beschriebenen befinden wir uns in einer Vorstellungswelt, die von den Ethnologen und Religionswissenschaftlern als Animismus bezeichnet wird, also als Glauben an eine Art Allbeseelung (denn neben Menschen, Tieren und organischen Objekten gälten dem Animisten auch anorganische Stoffe als „beseelt"), legte der Missionswissenschaftler Georg Pilhofer dar. Für den Papua sei die ihn umschließende Umwelt mit geheimnisvollen Kräften angefüllt, die für das Gedeihen der Pflanzen, Tiere und Kinder ebenso maßgebend seien wie für das Gelingen eines Vorhabens, des Erfolgs der Arbeit oder des guten Gelingens eines Unternehmens. Entscheidend für Glück oder Unglück sei die adäquate Anwendung des richtigen Zaubers, mittels dessen die geheimnisvollen Kräfte dem Individuum oder auch der Familie und des Clans günstig gestimmt werden könnten. (Pilhofer, 1961: 32) Zu diesen Glück oder Unglück bestimmenden, übernatürlichen Kräften zählen für den „primitiven" Menschen, der nicht wie wir Europäer analytisch-kritisch zu denken pflegt, sondern in Kategorien handelt, die wir als „magisches Denken" bezeichnen, in erster Linie auch bedeutende, bereits verstorbene Personen, z. B. ein besonders weiser und tapferer Häuptling oder dessen Jagd- und Kriegsausrüstung wie Speere und Keulen; aber auch Steinen (die ebenfalls „namenlose Verstorbene" verkörpern können) und Pflanzen mögen derartige übernatürliche Kräfte innewohnen.

Erinnern wir uns: die Götter und Halbgötter der Guaranies sind halb körperlich, halb spirituell, pluriform, jedoch stets materialisiert. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Gottheiten der Wildnis, des Wassers, der Liebschaften, der Pflanzen und der Tiere, Man könnte durchaus auch von „ökologischen Gottheiten" sprechen. Das wäre nicht übertrieben, wenn man an die Sitte sogenannter „Wilder" denkt, den Baum, der zu fällen ist, um Verzeihung zu bitten, ehe die Axt angelegt wird.
Die Animisten halten bestimmte Praktiken für notwendig, um die organischen oder anorganischen Elemente freundlich zu stimmen, damit sie den Menschen helfen anstatt ihnen zu schaden. Glück oder Unglück - beides hängt in ihren Augen von diesen spirituellen Kräften ab. Man bedarf ganz bestimmter Rituale, um negative Manifestationen dieser Mächte abzuwehren und sich statt dessen des Wohlwollens der fraglichen Geister zu versichern. Da die Beziehung zu den Geistern vielfältig und äußerst schwierig ist, benötigt man Zauberer und Zauberinnen. Hier setzt dann die Magie als Institution ein.

Bei Egon Schaden (Homem, Cultura e Sociedade no Brasil, Petrópolis 1972, pg. 232 s.), findet sich ein sehr lesenswerter, instruktiver Artikel von Protásio Frikel, Traços da Doutrina Gêge e Nagô, sobre a Crença na Alma. Der von den Afrikanern benutzte Terminus „Seele" könne, erklärt Frikel, unter einem doppelten Aspekt gesehen werden, nämlich als Seele der Lebenden - alma deste mundo - und als Seele der Toten - alma do outro mundo - verstanden werden. Für jemand, der aus der christlichen-jüdisch-muselmanischen Kultur kommt und der mit den respektiven heiligen Schriften - Bibel und Koran - vertraut ist, klingt dies durchaus nicht fremd, vielmehr erscheint ihm die dahinter stehende „dialektische" Logik plausibel. (Die paradoxe - von der Gnosis besonders gepflegte -Vorstellung, dass ein Lebender tot sein kann und ein Toter lebendig, findet sich wiederholt im Neuen Testament: „Lasst die Toten ihre Toten begraben ..."[Mt. 8,22] „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?" [Lk. 24,5] „Wer an mich glaubt, wird leben obgleich er stirbt." [Joh. 11,25] „Wer lebt und an mich glaubt, wird nimmermehr sterben." [Joh. 11, 26]).

Auch bei den Hebräern waren die Begriffe „Seele" und „Leben", und dazu noch einige verwandte termini mehr, auswechselbar. Der springende Punkt im afrikanischen Animismus ist die quasi-Austauschbarkeit dieser Begriffe, unabhängig davon, ob sie auf „Lebende" oder auf „Tote" angewendet werden. Êiní ist die Seele bei lebenden Menschen, êcú-ôurum ist die Seele im Leben und im Tode, êcú-ôurum kann die Seele im Leben - êiní - oder auch die Seele eines Verstorbenen sein, dann ist es die Seele im Tode. Im Augenblick des Todes tritt die Seele in die postmortale Existenz, also in eine andere Phase ihrer Daseins ein, sei es, um sich zu einem späteren Zeitpunkt zu inkarnieren, sei es, um als êgum weiter zu existieren. Der Begriff êigum oder êgum wird auf die Geister der Toten angewandt, die sich nach der letzten Inkarnation in Ahnengeister (tataravós) verwandeln. Êgum kann nie êiní sein. Êigum bzw. êgum bezeichnet die Seele derjenigen Toten, die sich niemals mehr inkarnieren werden oder inkarnieren können. Bestenfalls können sie als fantasmas - „Gespenster" - erscheinen.

Im Bereich des Animismus gilt die menschliche Seele als unsterblich. Vom Körper getrennt, vereinigt sie sich mit anderen Seelen, die in Dörfern unter der Erde wohnen. Es gibt gute und böse Lebende und Abgeschiedene. Die Seelen der Bösen sind gefürchtet, ihre Rache oder Bosheit versucht man sich mit allen geeigneten Mitteln fernzuhalten. Einige dieser „abgeschiedenen Seelen" inkarnieren sich in Körpern von Tieren und - auf Grund der Reinkarnation - sogar in neu zur Welt kommender Kinder.

Die Welt solcher Geister ist ein Universum für sich. Hand in Hand mit dem Glauben an Naturgeister und „Dämonen" geht die Vorstellung von divinisierten Geistwesen. Neben einer Art des Polytheismus ist zugleich eine Art von Polydämonismus zu verzeichnen. Auf all dies muß sich der Erdenmensch einstellen und mittels magischer Handlungen darauf hinarbeiten, dass sich sein und seiner Sippe Dasein glücklich gestalte und nicht in die Gewalt der bösen Mächte gerate. Die „Heidenmissionare" - von der „Kolonialzeit" bis zum II. Weltkrieg haben sicherlich zurecht konstatiert, dass die Animisten in einer permanenten „Heidenangst" vor den Geistern lebten.

Im Jahre 1889 sandte die britische, anglikanische Südamerikanische Missionsgesellschaft Barbrooke Grubb zu den Lengua in den Chaco von Paraguay. In ihren Aufzeichnungen, deren Lektüre zur Pflichtlektüre eines jeden mit Paraguay befassten Ethnologen gehört, weil sie in unnachahmlicher Weise Leben und Sitten der Chaco-Indianer reflektieren, schildert sie unter anderem, wie sie einen drei Monate alten Säugling, dessen Mutter von einer Grippeepidemie dahingerafft worden war, davor rettete, lebendig begraben zu werden; denn so war es bei den Chaco-Indianern in einer solchen Situation der Brauch. Kaum, dass die Mutter - die man wie alle Sterbenden aus ihrer Hütte geholt und außerhalb der Ansiedlung niedergelegt hatte - die Augen geschlossen hatte, kam der Vater mit einigen Männern, um das Kind, das sich in der Obhut der Missionarin befand, abzuholen. „Ihr werdet es doch nicht umbringen!?", rief Barbrooke Grubb außer sich vor Entsetzen. „O nein, bei uns ist es Sitte, es zu seiner Mutter ins Grab zu legen", antwortete der Vater. - „Lebendig?" - „Aber ja! So ist es bei uns Sitte!" - Die Missionarin begann, die Leute mit „höheren Mächten zu" drohen, falls sie eine derartige Scheußlichkeit begehen sollten. Der Zorn der inzwischen herbeigekommenen Dorfbewohner gegen die fremde Tabubrecherin wurde allmählich lebensbedrohend, bis der junge Häuptling mit einigen anderen jungen Männern sich zu ihrer Überraschung auf ihre Seite stellte und argumentierte: Diese Frau hat tatsächlich Kräfte, die wir in unserem Dorf weder kennen noch besitzen; so wird es ihr sicherlich gelingen, mit Hilfe dieser unbekannten Kräfte unser Dorf gegen den Zorn der Mutter, der wir ihr Kind nicht mitgegeben haben, mit Erfolg zu verteidigen." Man erlaubte ihr zwar, das Kind an sich zu nehmen, doch man verwies sie des Ortes, denn der Geist der erbosten Mutter könnte ja während der Nacht kommen, um sich zu rächen. Man verweigerte der Engländerin jegliche Nahrung, selbst ein wenig Ziegenmilch für das hungrige Baby. Nach einem langen und gefährlichen Marsch durch die karge Landschaft des Chaco erreichte sie schließlich eine katholische Missionsstation, wo man sich des kleinen Waisenkindes fürsorglich annahm, so dass es am Leben blieb. (Grubb, 1991: 107ff.) Bei Barbrooke Grubb kann man viel über den Animismus bei den Lengua lernen! Sie hatte in einer Region, in die bereits seit einem halben Jahrtausend sporadisch Europäern gekommen waren und in der man die Einheimischen mehr oder weniger „evangelisiert" hatte, eine faszinierende Variante des Schamanismus hautnah kennen gelernt. Wenn es nach 500 Jahren des Kontakts mit dem weißen Mann dort noch derart archaische Gebräuche gab, an denen der im Lande herrschende Katholizismus nichts zu verändern vermocht hatte, wie viel schwerer mag es für die Eingeborenen und die ihrer afrikanischen Heimat entrissenen schwarzen Sklaven gewesen sein, sich glatt und mühelos in die Welt der Europäer hinein zu finden?
Diese Geschichte macht deutlich, dass wir nicht erst zu den Griechen oder Römern zurückgehen müssen, um etwas über die Ursprünge der Religion zu erfahren, denn wir haben in Südamerika „zeitgleich" zu unserer modernen Welt eine originäre, von der Zivilisation kaum berührte, Eingeborenenkultur, die uns als ein reichhaltiges und aktuelles Kompendium der Religionswissenschaft dienen kann.