Samstag, 6. Februar 2010


Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" als Teil der evangelischen „Bekenntnisschriften" oder der „Kirchlichen Lebensordnung"

Heinz F. Dressel

Als wir im Dezember 1948 als junge Studenten, die gerade noch dem „Heldentod" und, wer weiß, im schlimmsten Fall sogar dem KZ, entgangen waren, in der „Neuen Zeitung" zum ersten Mal von der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" hörten, war es uns so ums Herz, wie vielleicht den Israeliten, als Moses ihnen die „Zehn Gebote" („Du sollst nicht töten!") verkündete, oder den Wittenbergern, als sie Luthers „95 Thesen" vernahmen. („Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablass zu kaufen, denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und wird der Mensch besser ...44/45; oder auch: „Man soll die Christen lehren: Die, die nicht im Überfluss leben, sollen das Lebensnotwendige für ihr Hauswesen behalten und keinesfalls für den Ablass verschwenden." 47)

Auch nach drei Jahren des Überlebens inmitten zerbombter Städte mit einer fast gänzlich zusammengebrochenen Verwaltung, einer prekären Lebensmittelversorgung, die zwangsläufig Phänomene wie Hamstern und Schwarzmarkt nach sich zogen; da war auch das Elend der heimkehrenden Landser, oft mit entsetzlichen Verwundungen oder Verstümmelungen, darüber hinaus das herzbewegende Flüchtlingselend bei chronisch mangelndem Wohnraum - nach alledem standen wir noch immer unter dem Trauma des Krieges und der Hitlerdiktatur.

Nicht nur über die Presse und durch riesige, von der Besatzungsmacht aufgestellte Plakate mit erschütternden Bildern von den „Todesmühlen" der Nazis in Dutzenden von Konzentrationslagern erfuhren wir vom Ausmaß der Verbrechen, die von unseren „Führern" aller Art angeordnet und auch selbst begangen worden waren; wir kamen nun - von Mensch zu Mensch, um es so zu formulieren - mit Opfern der Diktatur, mit „KZlern", wie sie verächtlich bezeichnet wurden, in Berührung, unter ihnen insbesondere Ostjuden die, ausgemergelt und traumatisiert, den „Todesmühlen" entronnen waren, dank ihrer Befreiung durch die Alliierten.

Unter solchen Umständen, in einer derartigen „Atmosphäre", wie sie uns in den ersten Nachkriegsjahren umgab, nach all dem, was wir an Menschenverachtung erlebt und zu Ohren bekommen hatten, war es wie eine Offenbarung, wie „euangelion", Evangelium, frohe, erlösende Botschaft, einen Satz wie diesen zu vernehmen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar ..."

In einer Wirklichkeit, in welcher Superlative der Brutalität und der Versklavung die Regel gewesen waren, sprach man mit einem Male von der „angeborenen Würde und den gleichen und unveräußerlichen Rechten aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen" auf der „Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden."

Nach all dem, was wir quasi von Kindesbeinen an erlebt und aufgenommen hatten, war die von der UNO-Vollversammlung am 10. Dezember 1948 verkündete „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" eine Offenbarung, die alles übertraf, was wir bis dahin gehört hatten.
Was hatten wir denn gehört - in der Familie, im Kindergarten, in der Kirche, in der Schule und im „Deutschen Jungvolk"?

Als kaum alphabetisierten Knäblein legte man uns die Streichersche „Judenfibel" auf den Tisch, wo wir unter hässlich karikiertem menschlichen Figuren Verse lesen konnten, wie diesen: „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid."

Im Kindergarten sangen wir, neben „"Lippe Detmold, eine wunderschöne Stadt, darinnen ein Soldat, und der muß marschieren in den Krieg, wo die Kanonen stehen ...", noch viele „vaterländische" Lieder , wie:

„Morgenrot, Morgenrot,
leuchtest uns zum frühen Tod.
Bald wird die Trompete blasen,
dann muß ich mein Leben lassen,
ich und mancher Kamerad."

Als wir mit 10 Jahren zum „Jungvolk" kamen, zogen wir singend durch die Stadt, solche „Kampflieder" auf den Lippen:

„Blutig rot sind unsre Fahnen,
die den Weg zur Freiheit bahnen.
Über Sowjetbarrikaden
marschieren die HJ- Brigaden.
Kamerad, reich mir die Hände,
alle Knechtschaft hat ein Ende:
Köpfe rollen, Juden heulen,
die HJ marschiert, Marxisten an die Wand!
Ja, nationale Sozialisten
kämpfen für ihr Vaterland."

Niemals hat auch nur ein einziger ehrbarer Bürger gegen derartige Gesänge protestiert oder uns den Mund verboten.

Auch in der Kirche war von „pax intrantibus" - Friede den Eintretenden" - dem schönen Gruß, den man einst über der Pfarrhaustür ins Mauerwerk eingemeißelt hatte, wenig zu spüren. Auch dort ging es nach dem Motto:

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte,
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde."

Wenn ich heute versuche, mich an die Botschaft zu erinnern, die der Gemeinde von der Kanzel aus vermittelt worden ist, fällt mir vor allem ein, dass der „alte Fritz", der preußische König „Friedrich der Große", zu den beliebtesten Beispielen gehörte, auf die unser Pfarrer in seinen Predigten rekurrierte.

Als im Juli 1944 nur noch 9 Monate bis zum Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland fehlten, wurde ich in einer lutherischen Kirche in Oberfranken konfirmiert. Auf dem Konfirmationsschein fand sich die Reproduktion eines Bildes von Arthur Kampf mit der Darstellung der „Segnung der Kriegsfreiwilligen". Wir 14-Jährigen, offensichtlich das letzte Aufgebot zur Verteidigung des Vaterlands, wurden präzis auf unsere Aufgabe eingestimmtr und erhielten den Segen der Kirche um zu siegen oder zu sterben.

Ein freundliches Andenken, das der Konfirmator seinem confirmandus in die Hand drückte, war den „Katechismus" von Ernst Moritz Arndt. Das 5. Gebot - Du sollst nicht töten - hatte eine Fußnote, die besagte: „gilt im Kriege nicht."

Für alle, die jene düsteren Jahre nicht miterlebt haben, mag es schwer sein, sich vorzustellen, welche Wirkung in der Adventszeit des Jahres 1948 eine Botschaft auf uns haben mußte, deren 1. Artikel wie ein gewaltiges Präludium eines Bachschen Oratoriums mit den Worten begann: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." Mit der „Universal Declaration of Human Rights" sollte „das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal" vorgegeben werden, an dem sich dann jeder Einzelne und alle Organe der Gesellschaft orientieren sollten.

Das gemeinsame Ideal ist dann mit Beginn des „"cold war" und der letzten Zuckungen des Kolonialismus - von Korea über Vietnam und Mozambique bis hin zur Südafrikanischen Union - sehr schnell in Vergessenheit geraten, wie wir wissen.

Die Charta der Vereinten Nationen ist mitnichten zur regula vitae geworden, genau so wenig wie Barmen oder Stuttgart.

Worum war es in Barmen gegangen?

Mitten im Kirchenkampf war die „Theologische Erklärung" der Bekenntnissynode von Barmen (29. - 31. Mai 1934) für die evangelischen Kirchen ein wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der evangelischen Kirche im 20. Jahrhundert. Nach dem Verständnis der Evangelisch-reformierten Kirche und der Evangelischen Kirche der Union handelt es sich um ein Bekenntnis verpflichtenden Charakters, auch über die Zeit des Kirchenkampfes während des „Dritten Reiches" hinaus, ein Bekenntnis gleichen Ranges wie z. B. die „Schmalkaldischen Artikel". In der Evangelisch- lutherische Kirche hingegen gab es von Anfang an Bedenken, schon bezüglich des Sprachgebrauchs: „Barmer Bekenntnis" oder „Theologische Erklärung von Barmen"? Nach Kriegsende erzählte man sich, ein prominenter bayerischer Lutheraner habe, als er sich in Stuttgart gegen den terminus „Barmer Bekenntnis" verwahrte, die ironische Frage eines seiner Kollegen eingehandelt: „aber Herr Amtsbruder, haben Sie in Barmen nicht bekannt?" Immerhin bekannten sich die in Barmen versammelten Repräsentanten der evangelischen Kirchen des Landes „angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer der Deutschen Christen und der gegenwärtigen Reichskirchenregierung zu den „evangelischen Wahrheiten", die dann in 6 Thesen näher ausgeführt wurden.

Historisch relevanter als die in diesen Thesen enthaltenen Affirmationen erscheinen die Passagen zur Abwehr von Positionen, die der Botschaft des Evangeliums konträr gegenüber standen, z.. B. „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären." (aus These 2) Oder: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen." (aus These 3) Oder auch: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden." (aus These 5)

Nicht wenige messen der „Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen" über ihre Bedeutung in der Hitlerzeit hinaus verpflichtende Bedeutung bei, einige zählen sie zu ihren Bekenntnisgrundlagen.

Das Problem war die Applikation!

Dietrich Bonhoeffer hatte allen Grund, die „Bekennende Kirche" post Barmen zu rügen. Sie hatte sich mehr mit internen und theologischen Problem als mit existentiellen und drängenden politischen Fragen befasst. Da war der „Arierparagraph", den die Kirchenleitungen sogar ergeben auf ihre eigenen Amtsträger anwandten. Da war der himmelschreiende Rassismus, der 1938 zur „Kristallnacht" führte. Da war das perfide Gesetz, welches den jüdischen Mitbürger zwang, den Davidstern - zum Zeichen der Feindschaft gegen das deutsche Volk erklärt - deutlich sichtbar an seiner Kleidung zu tragen. Damals soll Bonhoeffer gesagt haben: „Nur wer gegen die Verfolgung der Juden schreit, hat das Recht, gregorianisch zu singen."

Über ihre faktische oder praktische Wirkung während der auf die Barmer Bekenntnissynode folgenden Jahre bis zum Ende des „Dritten Reiches" braucht nach dem bisher Angesprochenen weiter nichts gesagt zu werden.

Bereits wenige Monate nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 traf sich, trotz des völlig paralysierten Verkehrswesens in den vier Besatzungszonen, am 18. und 19. Oktober 1945 der „Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland" im französisch besetzten Stuttgart zu seiner ersten Sitzung nach dem Krieg. Die Versammelten standen einem gänzlich unrühmlichen kirchlichen Erbe, das sie selbst, der eine mehr, der andere weniger, mit verschuldet hatten, gegenüber.

Er ist ihnen zu danken, dass sie sich im „Stuttgarter Schuldbekenntnis", als welches es in die Geschichte eingegangen ist, zur „Solidarität der Schuld" bekannten: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."

„Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann. So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator spiritus!"

Zu den Unterzeichnern zählten nicht nur die Landesbischöfe D. Theophil Wurm und D. Hans Meiser, Bischof D. Dr. Otto Dibelius, die Pastoren Heinrich Held, Wilhelm Niesel und auch der spätere Bundespräsident, Dr. Dr. Gustav Heinemann, sondern auch Pastor Martin Niemöller D.D. und Landessuperintendent Dr. Hanns Lilje, die im Konzentrationslager der eine und im Gestapogefängnis der andere, die Repression der Nationalsozialisten am eigenen Leibe erlitten hatten. Niemöllers Haltung war gerade in den ersten Jahren nach dem Krieg bei vielen Gemeindegliedern und auch bei manchen Kirchenleitungen ziemlich umstritten. Eine große Breitenwirkung hatte das „Stuttgarter Schuldbekenntnis"- trotz aller Beachtung eindrücklicher statements von Zeitzeugen wie Niemöller und Lilje - aufs Ganze gesehen, nicht erzielen können.

So lief die Zeit, und nach Barmen und Stuttgart kam die UNO- „Universal Declaration of Human Rights" am 10. Dezember 1948 aus New York. Hätte sie es nicht verdient, zu den wichtigsten Dokumenten der Menschheit gezählt zu werden ? Hätte es nicht auch den Kirchen besser angestanden, anstatt an hohen Feiertagen immer wieder einmal das Constantinopolitanum zu rezitieren? Wäre es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte nicht wert gewesen, sie den uralten „Bekenntnissen" hinzuzufügen oder sie wenigstens als verpflichtenden Bestandteil in die „Ordnung des kirchlichen Lebens" aufzunehmen?

Sind die „Bekenntnisschriften" tatsächlich abgeschlossen? „Finitum" ist der Kanon der „Bekenntnisschriften" höchstens in dem Sinne, dass kaum jemand - von Examenskandidaten abgesehen - mehr ihn liest, die umstrittene „Konkordienformel" zum Beispiel (obwohl sich gerade in dieser so wunderbare Paragraphen finden, wie z. B. DE LEGE ET EVANGELIO?

Eine Kirche besass den Mut, die UNO-Charter verbindlich in ihre theologische „Konstitution" und Lebenspraxis aufzunehmen: Die Evangelische Kirche am Rio de La Plata (IERP), mit Gemeinden in Argentinien, Paraguay und Uruguay, mit Sitz der Kirchenverwaltung in Buenos Aires, Argentinien.

In den 70er Jahren war die argentinische Gesellschaft in irrationale Gewalt versunken und befand sich am Rande einer totalen Anarchie. Die Streitkräfte griffen ein, um, wie sie sagten, die Subversion zu überwinden und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes anzukurbeln. Weite Kreise der Bevölkerung akzeptierten die Militärherrschaft. „Wie so oft in Krisenzeiten, wird der Staatsstreich von einem Teil der Gesellschaft mit einer gewissen Erleichterung hingenommen", schrieb Flávio Koutzii, der von den Militärs vier Jahre lang eingekerkert worden war, 1984 in seinem Buch Pedaços de Morte no Coração.

Die protestantischen Einwandererkirchen unterschieden sich bezüglich ihrer Stellung zu den Militärs im Prinzip nicht von der katholischen Kirche, welche die argentinische Armee als ein „Element der Sauberkeit, der Kompetenz und der Stabilität" betrachte. Pastor Enrique Bösenberg konstatiert (Revista Parroquial de la IERP, Marzo 2001): „In den Leitungsgremien und in den Pfarreien begrüßte man überwiegend die Militärdiktatur und leugnete die Tatsache der Entführungen und Folterungen." Der Berichterstatter fügt barmherzigerweise hinzu: „Dieses Abstreiten war eine künstliche Blindheit, um der Wirklichkeit nicht in die Augen sehen zu müssen ... Jedenfalls brachten es die historischen protestantischen Kirchen, obgleich sie sich in ihren Gemeinden selbst mit dem Phänomen der „Verschwundenen" konfrontiert sahen, nicht fertig, eine konkrete und umfassende Verurteilung des Militärregimes zu artikulieren." Vieles an diesem Rückblick erinnert an die Verhältnisse im deutschen Mutterland in den 30er und 40er Jahren.

Es muss allerdings angefügt werden, dass sich diese Kirchen bereits vor dem Militärputsch der politischen Flüchtlinge aus Uruguay und Chile angenommen hatten, z.B. mittels des von P. Armin Ihle verwalteten Programms Comisión Argentina para los Refugiados (CAREF). „Bereits vor dem Putsch und vor der Initiative des Weltrats der Kirchen (CMI) hatten die historischen protestantischen Kirchen auf die Nöte der politischen Flüchtlinge aus Uruguay und Chile reagiert; ihr Engagement im Rahmen der Bewegung zur Verteidigung der Menschenrechte schloss allerdings nicht zugleich die Verurteilung der Diktatur als solche ein. Die EKALP begrüßte die Repression der Subversion, verurteilte jedoch die Exzesse bei der Durchführung derselben."

Der damalige Kirchenpräsident Peter Lienenkämper besass allerdings den Mut, beim Besuch einer Delegation des Weltrats der Kirchen zu erklären: „Ein so unerhörtes Geschehen wie Raub und Folterung einer Person beim Namen zu nennen, wer immer auch die Täter sein mögen, ist [...] die Pflicht eines Christen, und man kann sie nicht mit dem Schlagwort antiargentinische Kampagne disqualifizieren." „Allerdings wurde die Haltung Lienenkämpers nicht von der Mehrheit geteilt." (Walter Techera, Revista Parroquial de la IERP, Abril 1996) Sein Nachfolger im Amt, Rodolfo R. Reinich, der seinerzeit auf mein Ersuchen hin u. a. einen seit Jahren inhaftierten politischen Gefangenen aus Córdoba regelmäßig besuchte, erklärte in einem „Brief des Kirchenpräsidenten" (4/1996) in Erinnerung an die Ereignisse der Periode 1976 bis 1983: „Als evangelische Gemeinden müssen wir bekennen, dass wir oft geschwiegen haben, wenn wir hätten reden sollen und dass wir diejenigen allein gelassen haben, die den Mut hatten, Gewalttätigkeiten anzuzeigen und etwas zu machen, um Menschenleben zu retten, während wir uns vom Los jener, die anders dachten und handelten als wir, fern hielten."

Die bittere Erfahrung der EKALP während der Zeit der Diktatur hatte am Ende die Einbeziehung der UNO-Declaration of Human Rights von 1948 in die „Ordnung des kirchlichen Lebens" zur Frucht. Darin heißt es in Art. 6 u. a.: „Es gehört zum Auftrag der Kirche, Verantwortung auch im Blick auf die Gesellschaft, in der wir leben, zu tragen, insbesondere bezüglich der Verteidigung der Menschenrechte (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948)." Regime Eclesial de la Iglesia Evangelica del Rio de la Plata (1998) Art 6.

Samstag, 9. Januar 2010

Erinnerung an Mexiko und Trinidad y Tabago

Mexiko war in Bezug auf soziale und politische Unruhen nie eine Insel des Friedens gewesen. So hatte ich zu Beginn meiner Tätigkeit im Ökumenischen Studienwerk von einem jungen Mann gehört, der wegen seiner Beteiligung an einem Protest mexikanischer Arbeiter (Hungerstreik) im August 1967 verhaftet und im März 1969 zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Davon verbüßte er 4 Jahre und 3 Monate. Mit Hilfe der Jesuiten gelang es ihm, das Land zu verlassen. In Europa begann dann eine Odyssee von INODEP (Paris) bis Misereor (Aachen). 1977 waren Einrichtung und Archiv des Centro Nacional de Comunicación Social - CENOS -, einer ökumenischen Initiative, die zwei Jahrzehnte lang die Arbeit der Kirche in Mexiko dokumentiert hatte, von Polizeikräften vernichtet worden. Auch CELADEC - Comisión Evangélica Latino-americana de Educación Cristiana - sowie das Büro von CAREF - Asistencia a Refugiados Latino-americanos vinculado al Alto Comisariado de la UNO - hatten die Invasion polizeilicher Kräfte über sich ergehen lassen müssen.
Zweck meines Abstechers nach Mezzoamerika im August 1978 war es, im Gespräch mit Vertretern der Kirche, der Flüchtlingsorganisationen und der Universitäten auszuloten, welche Ansätze es für eine eventuelle Förderung von gefährdeten Argentiniern in diesen Ländern gab. Ein wichtiger Gesprächspartner in Mexico City, Casa del Pueblo Argentino, war Prof. Dr. Rodolfo Puiggrós, ein exilierter Publizist aus Argentinien, unter Perón Rektor der Universidad de Buenos Aires. Das esquema de segururidad im Domizil des illustren Argentiniers ist mit gut in Erinnerung geblieben: Die guarda costa des Prominenten unterzog mich spürbar einer gestrengen Kontrolle - ich konnte ja auch ein Agent des Feindes sein (seit Trotzki war man da in Mexiko besonders alert!). Für die Haltung der Exilargentinier mußte man Verständnis haben; war es doch vorgekommen, dass „Infiltrationsversuche" entdeckt wurden. Im Januar 1978 setzte der argentinische Geheimdienst einals Flüchtlingsgruppe getarntes Kommando nach Mexiko in Marsch, mit dem Auftrag, Rodolfo Puiggrós zu liquidieren. Andererseits mußte man auch feststellen, dass die Exil-Organisationen in Mexiko und Costa Rica von Montoneros dominiert wurden, die ihrerseits frühere Dissidenten mit dem Todesurteil bedacht hatten.
Eine Bemerkung zu Trinidad y Tabago, die sich in meinen Reisenotizen findet „Gerade regnet es, dass es rauscht. Es ist ungemein schwül in Port-of-Spain. Der Regen soll so schnell wieder aufhören, wie er gekommen ist, sagen die Leute. Ich delektiere mich über den hausinternen Musikkanal derweil mit einer edleren Abart der in der Karibik typischen „Benzintonnenmusik" - ich habe sie so getauft, weil der Rhytmus auf tin drums - die aus alten Benzinfässern gefertigt worden sind - geschlagen wird. Eine Schallplattenaufnahme der Trinidad Troubadors - Over & Over, einer mitreißenden Interpretation des calypso, wird mich ebenso nach Hause begleiten wie die des Huiggins Pan-Demonium Steel Orchestra des Holiday Inn Trinidad W.I., a very special „kinda music".
In Trinidad - nur sieben Meilen von Venezuela entfernt und wie dieses zu den Petroleum fördernden Ländern der Erde zählend - sind die meisten Menschen von schwarzer Hautfarbe oder dunkelbraun, entweder afrikanischer oder indischer Herkunft. Über zwei Generationen war in Trinidad alles „britisch" bestimmt. Im Jahrhundert zuvor allerdings sassen auf der Insel noch die Spanier. Wie ich es von meinen Besuchen in Indien her kannte, gab es - z. B. am Flughafen - in der ehemals britischen Kolonie viel Formalismus und Bürokratie („Do not step beond this line ..."). Eine Aufenthaltsgenehmigung wird nur für drei Tage erteilt, wogegen man in den lateinischen Ländern des Subkontinents automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung für 30 - 90 Tage in den Pass eingetragen bekommt. Die penible Fliegenbeinzählerei der Funktionäre in Port-of-Spain ist wahrscheinlich - wie auch in Indien oder Burma - englisches Erbe.
In Trinidad wurde ich vom kath. Erzbischof Anthony Pantin (indischen Blutes), bei dem ich mich zwecks einer visita de cortesia angemeldet hatte, sehr freundlich empfangen und wir haben etwa eine Stunde miteinander geplaudert. Der Erzbischof, jünger als ich, ist so eine Art von Hélder Câmara von Trinidad. Unsere Auffassungen bezüglich der Entwicklungsproblematik deckten sich fast völlig. Als vor ein paar Jahren ein Priester in einem Armenviertel ausfiel, übernahm er, neben seinem Amt als Erzbischof, persönlich die Pfarrei und zog ganz dorthin. Es muß, wie mir seine Haushälterin verriet, recht armselig gewesen sein. Dort lernte der Kirchenfürst die Wirklichkeit des Lebens unterhalb der Mittelstandsgrenze kennen! Noch heute empfängt er die Armen zu Audienzen. Als ich um 9.00 Uhr ankam, warteten vor dem Eingang seiner Residenz, einem schon fast baufällige Holzgebäude aus der Kolonialzeit, unter einer Art von „Vorbau", ungefähr in Dutzend von Bittstellern herum. Ich durfte dann eine Audienz mit einer dicken, schwarzen Frau - Joyce - miterleben und mich mit Fragen am Gespräch beteiligen. Es handelte sich um eine Mutter von sieben Kindern, die von zwei Vätern stammten; sie lebte jedoch ohne Mann. Ein Hurrikan, der in den frühen Morgenstunden über Port-of-Spain gezogen war, hatte ihr Haus, eine Art von Favelahütte an einem steilen Abhang, schwer beschädigt. Nun benötigte sie Hilfe, da sie nicht über das nötige Geld verfügte, um die erforderlichen Reparaturen vornehmen zu lassen. Ihr Hauptproblem war jedoch, dass sie keine Arbeit fand. In ihrem Wohnviertel gab es zwar so etwas wie eine kommunale „Arbeitsfront", ein Programm zur Arbeitsbeschaffungs für die Ärmsten (z. B. Wegebau, wo die Bittstellerin als Wasserträgerin ein wenig hätte verdienen können.) Dort hatte man ihr aber keine Arbeit gegeben. „Der Vorarbeiter", erzählte sie, „hat gesagt, dass er mich einstellt, wenn ich eine Nacht in seinem Hause verbringe. Aber wie kann ich meine Kinder eine Nacht sich selbst überlassen?" Der Erzbischof erklärte mir, der Vorarbeiter stelle nur junge Mädchen ein, die bereit seien, sein Ansinnen zu erfüllen. „Die Vorarbeiter hier bei uns sind identisch mit den Steuereintreibern zur Zeit Jesu, den Zöllnern aus dem Neuen Testament. Sie saugen die Armen unbarmherzig aus." In seinem, seit 1962 unabhängigen, Land sei es eines der größten Probleme, dass die früher Unterdrückten nun selbst zu Unterdrückern würden. „Schlimmer als die Weißen dies getan haben, unterdrücken die Schwarzen ihre Brüder", sagte er, und nannte als ein Beispiel Idi Amin. Aber auch eine Sekretärin beim Karibischen Rat der Kirchen bestätigte mir, dass schwarze Dienstmädchen aus Angst vor schlechter Behandlung nicht bei schwarzen Herrschaften dienen wollten. Übrigens gibt es in Port-of-Spain viele Leute indischen Blutes, neben denen afrikanischer Abstammung. Caribbs sieht man nur selten. (Mein Tee-Kellner war der erste, den ich bewußt wahrgenommen hatte.) Niemand kam als Sklave nach Trinidad, vielmehr waren die Menschen von anderen Inseln zugewandert. Trinidad ist schwarz oder schwarz/braun.
„Heute nachmittag habe ich eineAutofahrt nach San Fernando mehr erlitten als genossen. Der kleine schwarze Chauffeur fuhr wie ein Verrückter. Ein Typ wie aus einem Charly Chaplin-Film! Das Kraushaar zu Zöpfchen geflochten, Bevor wir losfuhren, habe ich ihn zum Essen mit ins Hotel genommen. Offensichtlich war er die im Restaurant herrschende Atmosphäre nicht gewohnt. Er nahm sein Hütchen mitnichten ab, bis ihm eine Kellnerin dezent zu verstehen gab, den Hut müsse er an diesem Ort schon abnehmen. Mit einigem Zögern legte er ihn dann auf meinen Tip hin auf eine Konsole neben unserem Tisch. Durch mein Erscheinen mit ihm wurde ich selbst zur exotischen Person: Was bringt denn der da für einen mit? Glenn ist sein Name - factotum, unicum und Motorist beim CADEC - Christian Action for Development in the Caribbean. Der Ausflug führte ins Zuckerrohrgebiet und zu einer Ölraffinerie - doch angehalten hat mein Fahrer nur beim Umkehren bzw. zum Einkaufen von Zigaretten! Dazu spielte sich die Fahrt auch noch in einem Mini-Austin ab! Ich habe schon manchen wilden Chauffeur erlebt, aber Glenn kann sich auch sehen lassen!
Über die CCC - Caribbean Conference of Churches -, deren Büro in Barbados ich im Anschluss an den Aufenthalt in Port-of-Spain besuchte, kam später die Stipendiatin Michelle John, Internationale Agrarentwicklung, nach Bochum, mit dem Ziel, nach abgeschlossenem Studium in der Beratung kleinbäuerlicher Betriebe, wie sie in Trinidad und Tobago die Regel sind, tätig zu werden. Ihr Praktikum konnte sie im Bereich der Unijuí - Rio Grande do Sul Brasilien - ablegen, und lernte auf diese Weise etwas vom „Sechsten Kontinent" kennen.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Die Wunder Jesu

Wundergeschichten in den Evangelien - was ist von ihnen zu halten? Wie geht die Theologie mit ihnen um? Die Namen Strauss und Bultmann stehen als Markierungspunkte in der protestantischen Theologiegeschichte. Das nachfolgende Referat über die Wunder Jesu erinnert an die theologische Diskussion vor vier Jahrzehnten. Ist die evangelische Kirche seitdem in der Frage weitergekommen?

Die Wunder Jesu

In "Lutherische Rundschau", Zeitschrift des Lutherischen Weltbundes, 16. Jhg., Nr. 3, Juli 1966, ist ein Votum von Jürgen Roloff, von 1958 bis 1961 Mitarbeiter der Theologischen Abteilung des LWB, zur Bildung der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" abgedruckt, in dem, S.. 413 die Verschwommenheit der gegenwärtigen Predigt auch darauf zurückgeführt wird, dass die Prediger sich in subjektiver Ehrlichkeit auf Karl Barth und Rudolf Bultmann berufen, auf Männer also,"die eine ganze Theologengeneration geprägt haben und die, wenn auch mit verschiedenem Akzent, die Verkündigung von der Historie befreien wollten, indem sie alles Gewicht auf den "Anredecharakter der Predigt legten." Roloff fährt fort: "Allein, wir beginnen heute zu sehen, dass es bei diesem Ausweichen auf die Dauer nicht bleiben kann, wenn die Kirche sich nicht den Vorwurf der Unwahrhaftigkeit zuziehen will. Die Fragen an die Kirche werden lauter, das Unbehagen wächst. Wir sollten uns, jenseits von aller billigen Apologetik, um klare und sachliche Antworten bemühen, ehe es zu spät ist."

In diesem Votum, ist dreierlei bezeichnend: 1) dass es sich, obwohl es mit der "Bekenntnisbewegung: Kein anderes Evangelium" stark ins Gericht geht, im offiziellen theologischen Organ des LWB befindet (die "Lutherische Runschau" hat übrigens in letzter Zeit eine ganze Reihe kritischer Beiträge abgedruckt, an denen nicht zuletzt auch zu erkennen ist, wie überholt Etikettierungen wie "orthodox" oder "liberal" heute auch in Raume des Luthertums sind); 2) dass es das theologische Unternehmen Barths und Bultmanns letzten Endes als Flucht vor der Historie versteht, worauf ich bereits 1955 in der Debatte um die Entmythologisierung (Kerygma und Mythos IV) hingewiesen habe; 3) dass es von der Einsicht getragen ist, die Kirche sei zu klaren und sachlichen Auskünften sich selbst und der Gemeinde gegenüber verpflichtet und dürfe angesichts verfänglicher Themen nicht mehr länger einen Bogen machen wie die Katze um den heißen Brei, auch nicht unter Verschanzung hinter Barth und Bultmann. Dass die Gebildeten auch bei uns Antworten ohne Hörner und Zähne haben wollen, zeigte sich, als ic kürzlich in Porto Alegre vor Studenten aller Fakultäten über die Frage "Christlicher Glaube und Naturwissenschaft" gesprochen habe. Die Zielrichtung der Frage bei der Diskussion bewegte sich sehr bald auf die Wunder in den Evangelien. Dieselbe Erfahrung machte ich bei einer Akademietagung in La Paz, wo ich auch über das Thema "Naturwissenschaft und Glaube" referiert habe, wesentlich unter Bezugnahme auf die biblische Schöpfungsgeschichte. In der Diskussion wurde dann sehr scharf nach der Einstellung der Kirche zu den neutestamentlichen Wundern, inclusive Ostergeschichte, gefragt.

Sowohl die Theologen als auch die Gemeinde werden immer wieder mit Wundererzählungen konfrontiert, zumal die gängigen Perikopenreihen alle auch Predigttexte bzw. Lesungen über Wunder Jesu einschließen. Es ist deshalb nicht etwa abwegig, wenn wir uns einmal speziell mit der Wunderfrage befassen.

Dieses Referat ist als Korreferat zu den Ausführungen P. Baeskes gedacht, so daß ich mich, zwangsläufig, ziemlich kurz zu fassen habe. Ich beziehe mich in meinen thesenhaften Ausführungen auf folgende Literatur: D. F. Strauss, Leben Jesu für das Volk, 1864; Martin Dibelius, Jesus, 1949; Adolf Harnack, Das Wesen des Christentums, 1908; Joseph Klausner, Jesus von Nazareth, 1952; Rudolf Bultmann, Glauben und Verstehen, I. Bd.,1958; Helmut Ristow und Karl Matthiae, Der historische Jesus und der kerygmatische Christus, 1961; Helmut Thielicke, Ich glaube, 1965; und auf eine eigene, im November in Bern erscheinende Arbeit (Krise und Neuansatz der Christologie).

Nun zur eigentlichen Wunderfrage:

Die Evangelien enthalten eine ganze Reihe von Wundererzählungen: Blindenheilungen, Heilungen von Gelähmten, Aussätzigen, Tauben und Stummen, Heilungen von Besessenen, unwillkürliche Heilungen und Heilungen aus der Ferne, Totenerweckungen, Naturwunder, Speisungswunder, das Weinwunder und andere Wundertaten.

Strauss hat sie in zwei, bzw. drei Klassen eingeteilt, "sofern sie entweder an Menschen oder an der außermenschlichen Natur, und die ersteren entweder an dem kranken oder dem erstorbenen menschlichen Organismus verrichtet werde ." (L. J. II, S. 55) Strauss ist insofern wichtig, als er der erste ernstzunehmende Kritiker der Wunder in der Theologiegeschichte ist.

Was ist von diesen Wundern zu halten?

Gemäß der ältesten Überlieferung der Geschichte Jesu, den Petrusformeln, ist an Jesu Wundertätigkeit nicht zu zweifeln. Sie ist "so gut verbürgt, wie ein solches Geschehen durch volkstümliche Berichte überhaupt verbürgt werden kann." (M. Dibelius,. 72) Es ist recht aufschlußreich, dieser Feststellung des Historikers Dibelius den Satz seines Schülers Bultmann gegenüberzustellen: "Deshalb sind in der Diskussion die "Wunder Jesu, sofern sie Ereignisse der Vergangenheit sind, restlos der Kritik preiszugeben, und es ist mit aller Schärfe zu betonen, daß schlechterdings kein Interesse für den christlichen Glauben besteht, die Möglichkeit oder Wirklichkeit der Wunder Jesu als Ereignisse der Vergangenheit nachzuweisen, dass im Gegenteil dies nur eine Verirrung wäre." (Glauben und Verstehen I S. 227) Hier kann man sehr gut beobachten, wie der eigentliche Begründer der formgeschichtlichen Schule, Martin Dibelius, die Historie noch als solche ernstgenommen hat, während sich sein berühmter Kollege, Rudolf Bultmann, durch die unbequeme Historie sein theologisches Konzept nicht verderben lassen möchte. Ob die Wunder für den christlichen Glauben von Interesse oder nicht von Interesse sind, ist eine sekundäre Frage, die uns nicht von der Pflicht entbindet, zunächst einmal nach ihrer Möglichkeit und Wirklichkeit zu fragen. Die Stellung Bultmanns zur Wunderfrage ist ein Musterbeispiel für seine historische Skepsis. Wenn nur diese Einsicht hier akzeptiert würde, hätte sich der Vortrag dieses Korreferates bereits gelohnt.

Wie Klausner und Stauffer mitteilen, besitzen wir auch jüdische Zeugnisse vom Wunderwirken Jesu. Wenn die Wundererzählungen keine Wurzeln in der Geschichte Jesu hätten, würden die Juden das sofort herausgefunden haben. Grundsätzlich ist also an der Wundermacht Jesu nicht zu zweifeln.

Dennoch ist, gerade den Wundererzählungen gegenüber - das ist kein Geheimnis - weitgehende Kritik vonnöten, da ihnen die Tendenz, Jesus zu verklären, sofort abzuspüren ist. Hier liegt die Berechtigung der formgeschichtlichen Kritik, besonders ausgeprägt bei Bultmann,die im Prinzip aber schon bei Strauss und Wrede zu finden ist.

Religionsgeschichtliche Parallelen belehren uns darüber, dass man in allen Religionen des Altertums mit Mirakeln und effekthaschenden Zauberkunststückchen nicht gerade sparsam umgegangen ist. Hier gebe ich übrigens Bultmann recht, wenn er sagt, der Unterschied von Christentum und Heidentum liege nicht in einem verschiedenen Wundergedanken und nicht einmal in einem verschiedenen Gottesgedanken, sondern nur darin, dass das Christentum vom wirklichen Gott rede, weil es vom wirklichen Wunder, nämlich vom Wunder der Gnade Gottes, der Vergebung, reden könne.

Schließlich haben wir noch religionspsychologische Argumente zu beachten: Die Wundersucht in Enthusiasmus versetzter und fanatisierter Massen ist ein Faktum, mit dem auch in unserem Zusammenhang gerechnet werden muß.

Weiter ist uns bekannt, dass man die Großen im Reiche der Religion überall und zu allen Zeiten gern mit allerlei Wundern umgeben hat. Dibelius rechnet sogar damit, "dass die Christen mitunter nicht nur fremde Motive, sondern auch ganz fremde Erzählungen sich angeeignet und auf ihren Heiland übertragen haben." (S. 76)

Am Ende kommen auch naturwissenschaftliche Einwände hinzu. Es ist nicht zu leugnen, dass wir im Altertum weithin einem unaufgeklärten Wunderglauben ohne naturwissenschaftliches Gewissen begegnen, und dass wir es bei den Autoren oder Redaktoren der Evangelien mit von physikalisch und biologisch unbedarften Gemütern zu tun haben, worauf Thielicke besonders hinweist. Er verweist etwa auf das Beispiel eines Gewitters, das dem naiven Menschen Ausdruck des Zornes Gottes sein kann, während es sich in Wirklichkeit um ein mit der Elektrizität zusammenhängendes Phänomen handle. Bultmann bemerkt übrigens, dass einem derart naiven Gemüte Gott logischerweise ein Stück Welt, also etwa eine der Elektrizität vergleichbare Energie sein müsse.

1) Wunder als Erfüllung biblischer Verheißung oder Nachahmung eines Propheten?

Auf diese Frage hat bereits Strauss hingewiesen, welcher, bei der Beschreibung des Begriffes des Mythus, Folgendes ausführt: "Nachdem einmal, sage ich, erst Wenige, dann immer Mehrere dazu gelangt waren, in Jesus den Messias zu sehen, glaubten sie, es müsse an ihm auch alles zugetroffen sein, was man, den alttentamentlichen Weissagungen und Vorbildern und deren landläufiger Auslegung zufolge, von dem Measias erwartete. Möchte Jesu Nazarenerthum noch so landkundig sein: als Messias, als Davidssohn, mußte er gleichwohl in Bethlehem geboren sein, denn Micha hatte es so vorausgesagt. Mochten von Jesu noch so scharfe Tadelworte gegen die Wundersucht seiner Landeleute in der Überlieferung leben: der erste Befreier des Volkes, Moses, hatte Wunder gethan, so mußte der letzte Befreier, der Messias, und das war ja Jesus gewesen, gleichfalls Wunder gethan haben. Zu jener Zeit, d. h. der messianischen, hatte Jesaias geweissagt, werden die Äugen der Blinden geöffnet werden und die Ohren der Tauben hören; dann werde der Lahme springen wie ein Hirsch und die Zunge der Schwerredenden fließend reden: so wußte man auch im Einzelnen, welcherlei Wunder Jesus, da er der Messias gewesen war, verrichtet haben mußte. So kam es, daß man über Jesum in der ersten Gemeinde Erzählungen erdichten konnte, ja erdichten mußte, ohne sich der Erdichtung bewußt zu sein."(Leben Jesu S. 76) Im Il. Band, S. 75, bezieht sich Strauss auch auf die "Todtenerweckungen" und verweist auf Elia (l. Kön. 17,17 ff.) und Elisa (2. Kön. 4,18 ff.) die auch schon Tote erweckt hatten

Es ist also offenbar, dass den Wundergeschichten der Evangelien schwerwiegende Argumente gegenüberstehen, denen die wenigsten standzuhalten vermögen.

Klausner hat die Wunder, welche Jesus zugeschrieben werden, in fünf Kategorien eingeteilt (S. 364 ff.). Ich halte mich hier bewußt an den jüdischen Historiker, weil er mir in der Wunderfrage als unvoreingenommen und objektiv erscheint, der hier nicht, wie die meisten Christen, dogmatische, sondern lediglich historische Interessen vertritt.

Die Einteilung Klausners sieht folgendermaßen aus:

Klausner knüpft also nur an die Strauss’sche Tradition an, wenn er unter Kategorie 1 die Auferweckung das Töchterleins des Jairus, des Jünglings zu Nain und des Lazarus nennt; ferner das Wunder der Brotvermehrung, dem Vorbild den Elia nachgebildet. Oder das Öl im Kruge vermehrt und damit viele Flaschen füllt, um so die Frau eines der "Söhne der Propheten" von ihrer Schuld zu befreien" und der "mit zwanzig Gerstenbroten hundert Menschen speist und sogar noch Brot übrigbehält."(S. 364)

Die Parallelen sind so eindeutig, dass man sie gar nicht übersehen kann, wenngleich im Einzelnen an der Darstellung Strauss’ und Klausners Korrekturen vorgenommen worden können oder sogar vorgenommen werden müssen.

2) Poetische Metaphern die fälschlich als Wunder berichtet wurden.

Hierher gehört z. B. die wunderbare Geschichte vom Vertrocknen eines Feigenbaums auf Jesu Geheiß, die sich auf ein Gleichnis Jesu (Lk.13,6 - 9) aufgebaut hat.

3) Visionen als Wunder.

Hierzu zählt Klausner das Mirakel vom Wandeln Jesu auf dem Meer (Mk. 6,47 - 51).

4) Scheinbare Wunder.

Hierher gehört das Wunder von der Stillung des Sturmes (Mk. 4,35 - 41) das auf einem Zufall beruhe.

5) Heilung Nervenkranker infolge außergewöhnlicher Suggestionskraft Jesu.

Dieses Schema ist ausgezeichnet, es kommt nur darauf an, wie es im Einzelnen gefüllt,wird. Harnacks berühmter Satz ist auch heute noch gültig: "Dass die Erde in ihrem Lauf je stille gestanden, dass eine Eselin gesprochen hat, ein Seesturm durch ein Wort gestillt worden ist, glauben wir nicht und werden es nie wieder glauben, aber dass Lahme gingen, Blinde sahen und Taube hörten, worden wir nicht kurzerhand als Illusion abweisen." (S. 18) Wir können es schon aus dem Grunde nicht abweisen, weil wir Lourdes und Bad Boll, Gröning und Zaiss nicht ableugnen können.

Eines allerdings muß bemerkt werden: Jesus vermochte nur dort zu heilen, wo er Glauben fand. Das wird durch Jesu Erfahrung in seiner Heimatstadt bestätigt (Mk. 6,5 f.). Zum andern hat Jesus wiederholt gesagt: "Dein Glaube hat dir geholfen." (Mt.9,22). Dibelius weist darauf hin, dass sich mit der Heilung oft eine Verkündigung verbindet. Wo die Verkündigung nicht angenommen wird, ist eine Heilung nicht möglich. "Es handelt sich um seelisch bedingte Leiden, die durch einen Eingriff in das Seelenleben des Patienten geheilt werden." (S. 73)

Im Grunde ist die Wunderfrage seit Strauss gelöst, nämlich seitdem er den Begriff des "Mythus" in die Evangelien einführte, nachdem dieser auf das Alte Testament schon länger angewendet worden war. In Bultmanns Forderung der Entmythologisierung des Neuen Testamente ist das Problem dann wieder zur Sprache gekommen.

Wir haben uns nun, nach einer mehr historischen Beurteilung der Wunder noch der theologischen Frage zuzuwenden, welcher theologische Wert den Wundern etwa beigelegt werden könnte.

Wenn wir von "Wundern" reden, meinen wir damit miracula, im Sinne wunderbarer, die Naturgesetze durchbrechender Ereignisse. Hier muß es bei der von Harnack beschriebenen Haltung bleiben: Wir dürfen den entsprechenden Wundererzählungen nicht den Anschein der historischen Wirklichkeit zu geben versuchen, sondern haben sie, ein für allemal, als "erledigt" zu betrachten. Bultmann argumentiert ganz richtig: "Der Gedanke des Mirakels ist also unvollziehbar geworden und muß preisgegeben werden."(Glauben und Verstehen I S. 216)

Andererseits müssen wir anerkennen, dass Jesus besondere Heilungen, die wir aber nicht miracula nennen dürfen, da es sich bei ihnen nicht um Ereignisse contra naturam handelt vollbrachte; nur erhebt ihn dies nicht über andere vergleichbare Heiler. Seine Heilungen sind nicht theologisch beweiskräftig. Sie waren es zu seiner Zeit nicht, denn die Schriftgelehrten schrieben sie einem unreinen Geist zu bzw. sagten: "Er hat den Beelzebub, und durch den obersten Teufel treibt er die Teufel aus."(Mk. 3,22). Sie sind es auch heute nicht. Thielicke stellt fest: "Was für die Augenzeugen... immerhin eine -gewisse Beweiskraft haben mochte, kann es für uns jedenfalls nicht mehr haben." (S. 87) Hier ist auch an das Lessing-Wort zu erinnern: "Ein anderes ist es, selber Wunder zu erleben, und ein anderes, nur berichtet zu hören, dass andere sie wollen erlebt haben."

Nach Jesu eigener Intention konnten seine Krafttaten nicht als konstatierbare Ereignisse der Offenbarung Gottes in der Welt verstanden werden. Es konnte ihm unmöglich an einem Ersatz des Glaubens durch das Schauen gelegen sein. Davon zeugt die Versuchungsgeschichte genau so wie die Erzählung von Thomas, deren Skopus gerade in dem Wort liegt: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben."

Die sogenannten "Wunder" sind also durch die Bank inclusive,die Heilungen Jesu, für die Christologie unbrauchbar. Delling konstatiert: "Es gibt kein den Unglauben widerlegendes Zeichen." Die Machttaten Jesu haben auch keine eigentlich "christologische", keine messianische Bedeutung in dem Sinne, dass sie die Messianität Jesu als solche bestätigen." (Der historische Jesus, S. 391) Theologisch legitim kann nur vom "Wunder" im Singular geredet werden: vom"Wunder der Offenbarung, d. h.: "Offenbarung der Gnade Gottes für den Gottlosen, Vergebung." (Bultmann Glauben und Verstehen I S. 221) Vergebung ist ein Wunder im Gegensatz zum Weltgeschehen, wie Bultmann es ausdrückt. Mit einem Seitenblick auf "die Wunder" sagt er: "Der Mirakelgedanke ist ein primitiver, unklarer Ausdruck dafür, dass Gottes Tun verstanden ist in seinem Gegensatz gegen alles Weltgeschehen und weltliche Tun." (S. 226)

Der Glaube an das Handeln Gottes führt nun allerdings immer wieder zum subjektiven 'Glauben an Gottes Eingreifen in die Welt, d. h. an den Geschichtsverlauf und in mein Leben. Ich sage "subjektiv", weil sich dieses Eingreifen Gottes niemals objektiv konstatieren ließe. Es handelt sich, wie Thielicke sagt, um einen subjektiven Gehalt, d.h., das Wunder haftet an meinem Auge, nicht am Objekt. Man könnte genauso gut von einer religiösen Deutung historischer Ereignisse sprechen, nur dürfte solches Deuten, wie Rudolf Bultmann sagt, nicht überhandnehmen, da man sonst Weltereignisse nicht mehr Weltereignisse sein ließe und, durch eine Hintertür, den Mirakelbegriff, den man eben hinausbefördert hat, doch wieder herein ließe. Wofern der subjektive Glaube an Gottes Eingreifen in die Welt- wohlbemerkt, objektiv nicht aufweisbar - dezent, fast möchte ich sagen "keusch und züchtig" bleibt, kann man, wie Bultmann das tut, tatsächlich sagen: "Steht es aber so, dann hat der Christ wirklich die Möglichkeit, immer neue Wunder zu sehen. Dies Weltgeschehen, das dem ungläubigen Auge als gesetzmäßiger Ablauf von Ereignissen erscheinen muß, gewinnt für ihn den Charakter einer Welt, in der Gott handelt." (S.226) Damit wird, das war der große Fehler der älteren Theologie, der Unterschied von Weltgeschehen und Tun Gottes nicht preisgegeben, sondern es wird vielmehr deutlich, "dass der Glaube an Gott und an das Wunder überhaupt das Gleiche bedeutet." (Bultmann S. 219) So wie Gott nicht konstatierbar ist, ist es auch das Wunder nicht.

Wenn der Christ vom Wunder redet, so bezieht er sich damit nicht auf historische Fakten wie z. B. die Auferweckung des Lazarus, sondern auf seine eigene Existenz, d. h. darauf, dass in seinem Leben Gott sichtbar geworden ist. Fast möchte ich sagen, Goethe habe mehr von Theologie verstanden als die meisten Theologen, wenn er nämlich ein solches sog. historisches Faktum, in diesem Falle die Auferstehung des Herrn sogleich existential interpretiert, indem er sagt: "denn sie sind selber auferstanden."

Doch ich will hier nicht von Ostern sprechen, obwohl auch solche Mirakel wie Empfängnis durch den Heiligen Geist, Jungfrauengeburt, leibliche Auferstehung und Himmelfahrt zur Kategorie der Wunder gehören, von der wir gesagt haben, dass sie ein für allemal, als "erledigt" zu betrachten sei.

Das Wunder schlechthin, zu dem wir uns als Christen bekennen, ist das von Gott gesprochene Wort der Vergebung aus dem Mund des geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth. Hier stehe ich, wie bereits zu Beginn dieses Referates, wieder im Gegensatz zu Bultmann, mit dem ich ansonsten in vielen Punkten einig bin, so dass ich, zu meiner Verwunderung, kürzlich einem Auditorium als Bultmannschüler vorgestellt worden bin. Rudolf Bultmann sagt am Schluß seines Aufsatzes "Zur Frage den Wunders": Wer in der geschichtlichen Persönlichkeit Jesu Gottes Offenbarung konstatieren will, verfällt dem Spott Kierkegaards, dass er klüger ist als Gott selbst, der doch seinen Sohn in der Verborgenheit des Fleisches gesandt hat." Bultmann meint weiter: "Auf die historisch konstatierbare Persönlichkeit den Offenbarungsgedanken anzuwenden, ist ebenso sinnlos wie auf die als Natur gesehene Welt den Schöpfungs- oder Wundergedanken anzuwenden." (Glauben und Verstehen S. 228)

Ich kann hier, in aller Kürze, nichts anderen sagen als den Einwand Herrmanns gegen Kähler zu wiederholen, ob wir, bei solchen christologischen Prinzipien, nicht "unsern Glauben auf etwas gründen wollen, was vielleicht gar nicht geschichtliche Tatsache, sondern Erzeugnis des Glaubens ist." Pannenberg, Christologie, S. 20) Wolfhart Pannenberg sieht, wie übrigens auch Ebeling, hier sehr klar, wenn er schreibt: "Die Aufgabe der Christologie ist es also, aus der Geschichte die wahre Erkenntnis seiner Bedeutung zu begründen, die sich zusammenfassend durch den Ausdruck umschreiben läßt, dass in diesem Menschen Gott offenbar ist." (S.23)

Nach diesem zweiten kleinen Exkurs darf ich nun, abschließend, noch einmal den Satz wiederholen: Das Wunder schlechthin zu dem wir uns als Christen bekennen, ist das von Gott gesprochene Wort der Vergebung aus dem Munde des geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth.

(H. Dressel, Referat - 1967 - im Rahmen einer theologischen Arbeitsgemeinschaft der Pfarrer des Kirchenkreises São Leopoldo, Brasilien)

Montag, 31. August 2009


Fé e Cidadania

Fé e Cidadania
Heinz F. Dressel
Editora UNIJUÍ
Ijuí-RS 2006
Catalogação na Publicação:
Bibliotéca Universitária
Mario Osorio Marques - Unijuí
1. Cidadania 2. Sociologia 3. Religião 4. Reforma Agrária
5..Ciências sociais 6. Língua portuguesa, história da
7. Política 8. Cultura 9. Economia

Seguem aqui uns parágrafos de textos do livro Fé e Cidadania que publiquei no ano de 2006 na Editora Unijuí. O livro foi gentilmente apresentado pelo professor Dr. Walter Frantz. Segue aqui - como introdução de meus textos - a principal parte do teor da introdução do amigo Walter, um dos pioneiros no contexto da fundação da Universidade Regional do Noroeste do Estado do Rio Grande do Sul (Unijuí).

Apresentação

O escritor sempre revela algo de sua vida por meio das palavras e conteúdos de seus textos, mesmo que não fale de si, diretamente ... O leitor pode encontrar-se com o autor em todos os seus textos, que revelam os lugares sociais de vida do autor. O autor tem uma história de vida marcada pela experiência das relações internacionais, pela convivência com diversas culturas de diferentes países. Dessa valiosa experiência de vida nascem as razões e as motivações de seus escritos.

No início da década de 50 do século XX, o jovem pastor Heinz Friedrich Dressel e sua esposa, a nutricionista Ilse Dressel, chegam ao Brasil, vindos da Alemanha, para dedicar-se a trabalhos de pastoral na região Noroeste do Estado do Rio Grande do Sul. Desde 1952, trabalhando em diferentes comunidades, na região e no Estado, na condição de pastor, desenvolveu uma relação pessoal forte com o Brasil, revelada e testemunhada por muitos de seus textos, os quais ultrapassam a sua missão específica de pastor. Fez-se brasileiro de sul a norte, sempre criando e estabelecendo muitos laços de amizade. Sentindo-se e fazendo-se brasileiro, pelo trabalho e pela cultura, passou a escrever sobre a sociedade brasileira. Desse modo, em muito tem contribuído para com as relações de cooperação e amizade entre os dois povos. Em 1968, retornou a sua terra natal, porém passou a amar o Brasil e o Rio Grande do Sul, retornando sempre que possível, inclusive pela publicação de livros. Uma de suas pontes entre as duas culturas e pelas quais viaja, seguidamente, são suas pesquisas, seus escritos, sobre temas da realidade brasileira.

A sua relação com o Brasil, porém, foi reforçada pelo exercício da função de diretor da Obra Ecumênica de Estudos ÖSW - Õkumenisches Studienwerk e.V. de Bochum, Alemanha), durante um período de 20 anos, de 1972 até 1992. Nesta função, além do importante papel de apoio à formação de muitos mestres e doutores para universidades brasileiras e latino-americanas, o pastor Dressel exerceu também um papel importante, à época, no socorro aos perseguidos políticos.

Com o agravamento da opressão política no Brasil e em muitos outros países dos continentes de origem dos parceiros da Obra Ecumênica de Estudos, esta decidiu acolher perseguidos ou exilados políticos, articulando política e ajuda ao desenvolvimento. Muitos exilados brasileiros, latino-americanos, africanos e asiáticos tiveram a sorte do apoio da Obra Ecumênica de Estudos e puderam, além da liberdade, usufruir da oportunidade de uma formação e qualificação em universidades alemãs e de outros países da Europa. Na condição de responsável pela Obra Ecumênica, o pastor Dressel conseguiu estender ajuda a muitas pessoas perseguidas, politicamente, em diferentes países. Sempre reuniu coragem e forças para lutar pelos direitos humanos, onde quer que estivessem sendo desrespeitados. Sempre que necessário, foi aos lugares e às pessoas envolvidas.

Aqui está uma marca especial de atuação e da personalidade do pastor Dressel. Como humanista e cristão, empenhou-se para a abertura das portas da Obra Ecumênica de Estudos também para quem estivesse em apuros por razões políticas, sem distinção de credo ou convicções ideológicas. Tinha como bandeiras o reconhecimento do direito às diferenças e o respeito à liberdade. Com este objetivo viajou, pelos diferentes continentes e países, em busca da afirmação da liberdade de pensamento e de organização. Com coragem e determinação, aliou a defesa intransigente dos direitos humanos à política de ajuda ao desenvolvimento, à concessão de apoio à formação docente. Assumiu e desempenhou, pode-se dizer, desse modo, uma função de pastor de um rebanho de ovelhas perseguidas, em diferentes países e continentes, incentivando-as a se abrigarem nas universidades, em seus programas de estudo, superando, sempre que possível, os traumas do exílio. Vislumbrou oportunidades de futuro em meio às dificuldades. Soube olhar em direções múltiplas, respeitando o diverso e lutando pela liberdade onde ela estivesse em falta. Com sua atitude solidária e corajosa, penetrou fundo na alma de todos aqueles que puderam conviver com ele. Marcou vidas, ao abrir caminhos e indicar horizontes.

Os seus escritos, os seus livros, os seus artigos, os seus relatórios de viagem, as suas cartas, as suas visitas, o seu esforço incansável em defesa dos direitos humanos, trazem o exemplo e o compromisso com aquilo que tanto se sonha construir: a liberdade e a justiça social, em toda a dimensão possível e necessária para que o ser humano se complete em seus direitos e deveres.

Não poderia deixar de fazer referência, ainda que mínima, a uma passagem da história do ensino superior brasileiro.

No Brasil, seja por dificuldades econômico-financeiras, seja por opção política ou mesmo por omissão, por parte do poder público, em muitos espaços sociais e geográficos da sociedade brasileira, surgiram diferentes iniciativas não-estatais, apoiadas no marco jurídico constitucional e legal, com a função de promover a educação universitária. Dentre essas iniciativas, nasceu e se estruturou uma organização nova, nova em sua natureza, contendo novas forças e novos significados sociais. Nasceu e se desenvolveu a universidade comunitária e regional, experiência fundante de uma natureza pública não-estatal.

Essa experiência inovadora no cenário acadêmico brasileiro, contudo, nem sempre encontrou facilidades. No passado, especialmente, deparou-se com dificuldades politicas, somadas aos obstáculos materiais e financeiros. À coragem e à ousadia de se instituir uma universidade, somou-se o constrangimento político, alimentado pelo medo do diverso, do confronto de argumentos, sustentado pelo poder das estruturas tradicionais da economia e da política.

Conforme depoimento do professor Argemiro Jacob Brum,

A Fidene, fiel a sua trajetória histórica e ao seu projeto, rejeitava submeter-se aos ditames do arbítrio instaurado no país, e buscava afirmar sua independência e autonomia. Os prepostos do regime, não podendo assumir-lhe o controle direto, desenvolviam a estratégia de tolher-lhe os passos, impedir-lhe ou dificultar-lhe a expansão, asfixiá-la, se possível. Era, então, praticamente impossível obter apoios internos substanciais (locais, regionais ou nacionais) para impulsionar com a necessária consistência o projeto assumido, apenas respaldado na sólida coesão institucional (professores, alunos e funcionários).

Foi justamente nesse contexto de dificuldades e incertezas que chegou até nós, qual pomba da esperança, o pastor Dressel, representando a Obra Ecumênica de Estudos, entidade da Igreja Evangélica, da Alemanha, e anunciando a possibilidade de podermos contar com um apoio do exterior.
Graças ao pastor Dressel e seus colegas da ÕSW, firmou-se um convênio entre as duas instituições, que começou a operacionalizar-se a partir de 1972. A ÕSW passou a conceder bolsas de Pós-Graduação a professores indicados pela Fidene, e por ela aprovados, em cursos a serem realizados, quer no Brasil, quer no exterior. Os professores selecionados e contemplados com bolsa da ÖSW assumiam o compromisso moral de, uma vez concluído o respectivo curso, integrar-se efetivamente à Fidene, a fim de ajudar a impulsionar a expansão do seu projeto, esperando-se deles, também, que se engajassem em atividades e ações de promoção humana junto às distintas camadas da população, com prioridade para o desenvolvimento do cooperativismo e associativismo em geral.

Pode-se ‘afirmar, com toda a segurança, que a solidariedade e o apoio, vindos da Obra Ecumênica de Estudos e da dedicação do pastor Dressel, foram fundamentais ao sonho e à ousadia na afirmação de um núcleo de reflexão científica e crítica, no distante ponto do tempo e do espaço da história do ensino superior brasileiro, no Noroeste do Estado do Rio Grande do Sul. A Obra Ecumênica de Estudos ocupa um lugar importante na história do ensino superior da região. Nos arquivos da Universidade Regional do Noroeste do Estado do Rio Grande do Sul (Unijuí) e na memória de seus integran tes, está registrada essa cooperação que daria suporte, por muitos anos, inclusive até hoje, à formação de docentes. Tanto a Obra Ecumênica quanto o pastor Dressel revelam em suas políticas e ações práticas que o desenvolvimento de uma sociedade passa pelo reconhecimento das diversidades e diferenças, pela solidariedade e cooperação decorrentes dessa compreensão do mundo da vida.

Agora, pela senda dessa história de cooperação e amizade, Heinz E Dressel retorna, por meio de diferentes textos, aprofundando o diálogo com todos aqueles que se reconhecem, de alguma forma, em um desses ideais de ecumenismo e convivialidade humana. Dressel se faz presente no cenário da reflexão sobre a sociedade humana, das relações culturais, políticas e econômicas, por intermédio da escrita, tendo como pano de fundo a sua vasta experiência de quem buscou construir pontes entre diferentes visões de mundo e de culturas, ao longo de boa parte de sua vida.

O Os temas escolhidos pelo autor e a elaboração dos textos refletem uma história devida, brotam da trajetória de vida do autor. Revelam os seus caminhos de pastor, de observador e pesquisador, marcados pela palavra falada ou pela escrita. O autor busca comunicar-se, pelos seus textos, a partir de sua experiência de vida. Busca a interlocução, o diálogo, entre pessoas e povos. E, ao fazê-lo, enriquece as relações entre as diferentes culturas e visões de mundo, entre as diversas práticas sociais de convivência humana.

No primeiro texto retorna ao seu núcleo de formação inicial, o campo da teologia, aceitando um diálogo com quem busca entender a problemática da religião. O diálogo se estabelece com um aluno do curso de Sociologia da Unijuí, que busca como tema de conclusão de seus estudos a identidade religiosa da juventude de hoje. O texto é uma excelente reflexão sobre a questão religiosa, que continua a ser uma das grandes questões da vida do ser humano.

O texto sobre o problema da terra e da reforma agrária, no Brasil, além da importância do texto em si, revela muito da vida do autor. Buscar compreender e solidarizar-se com a problemática brasileira sempre foi uma forte motivação para ele. Além disso, o texto da pesquisa sobre a problemática da terra é uma significativa contribuição ao debate histórico da reforma agrária, no Brasil, especialmente considerando-se que o autor manteve muitos relacionamentos pessoais com políticos e lideranças brasileiras, voltadas à questão. Como tal, constitui-se em texto inédito.
Por fim, porém não em ordem cronológica, o autor trata de uma problemática pouco conhecida, certamente, do leitor brasileiro: a Alemanha nazista e o comportamento de distintos setores da Igreja Protestante no período do governo nazista. O texto é resultado de pesquisas e estudos realizados pelo autor, apresentados em eventos e seminários específicos. O autor oferece ao leitor brasileiro uma rara oportunidade de conhecer aspectos importantes dessa problemática histórica.

Os textos são uma importante contribuição à discussão de diferentes problemáticas, seja do campo da cultura, da economia, da política ou da religião, a desafiar, especialmente, os povos dos países periféricos ou aqueles que sonham com dias melhores para todos. Os diferentes textos devem ser lidos tendo como referência a rica experiência de seu autor, que vai do campo teológico à área da educação, passando pela convivência com complexas e diferentes culturas, ao longo de algumas décadas. Os textos revelam a capacidade de pesquisa e de observação de quem soube aliar diferentes funções em seu lugar de trabalho. Mostram a capacidade do olhar de quem sabe produzir conhecimentos, pela observação crítica do mundo, aliando visões de cultura, de política e de economia. Os textos, portanto, oferecem ao leitor uma excelente oportunidade de interlocução com alguém que vem de uma outra cultura e realidade socioeconômica. Na leitura dos textos está presente uma ponte entre pessoas e culturas. O diálogo de diferentes olhares permite, com certeza, leituras mais significativas e completas de uma realidade.

Professor Walter Frantz Doutor em Sociologia